9.5.2021

Zwei Flaschen Dolde

Wir trinken brutal lokal vom Weingut Dolde einen Silvaner Vulkan und einen Weissburgunder Brauner Jura jeweils aus 2020.

Wein aus der näheren Umgebung finde ich immer spannend. Dieses mal fühlt es sich aber noch ein bisschen näher an als sonst. Hedwig und Helmut Dolde machen Wein in und um Linsenhofen und im Neuffener Tal unterhalb der Burg Hohenneuffen. Der Boden ist besonders hier: Die Reben stehen auf verschiedenen Juraböden vulkanischen Ursprungs. Das ist selten in Deutschland und so eher im Burgund zu finden. Zusätzlich zu den Böden ist die Höhe bemerkenswert. Die Weinberge direkt an der Kante der schwäbischen Alb liegen teilweise auf über 520 Meter über dem Meeresspiegel und zählen damit zu den höchsten in Deutschland. Das Klima ist deshalb kühler hier als woanders und was in der Vergangenheit eher ein Problem war, könnte sich mit dem Klimawandel als großer Vorteil herausstellen. Helmut Dolde war bis vor wenigen Jahren noch hauptberuflich Lehrer und der Wein ein Hobby. Es gibt deshalb keine große Kellertechnik sondern Handarbeit. Die Weine bekommen Aufmerksamkeit, im Weinberg und im Keller. Und mit dieser Aufmerksamkeit wird versucht die Unterschiede in den Lagen und Böden möglichst deutlich herauszuarbeiten. Dass die Weine überhaupt selber vermarket und abgefüllt werden ist ebenfalls ungewöhnlich, ist doch der größte Teil der Rebfläche in der Gegend fest in der Hand von Genossenschaften. Ich habe nicht nachgemessen, aber rein Luftlinie kann es gut sein, dass die Entfernung von hier bis zu den Weinbergen weiter ist, als etwa nach Esslingen zu Kusterer. Trotzdem fühlt es sich dieses mal noch näher an. Wenn wir abends auf dem Balkon sitzen, oder durchs Dachfenster schauen, dann leuchten da die Lichter der Burg Hohenneuffen und bei Tag lassen sich auch die Weinberge darunter erahnen. Fast fühlt es sich so an, als wären die Trauben im Vorgarten gewachsen. Ein ganz neues Gefühl von Regionalität im Glas.

Wir starten mit dem Weissburgunder. Und dieser startet vor allem mit Frische im Glas. Noch leicht hefig, ist ja auch noch super jung, mit floralen Noten und heller Frucht. Die Säure ist knackig, wie bei grünem Apfel, lebendig und hinten raus auf der Zunge kommt deutlich mehr Würze mit als ich erwartet hätte. Luft intensiviert das noch. Die Säure bleibt immer knackig genug um gegenzuhalten, aber die Struktur und Würze werden immer mehr. Der Weissburgunder ist saftig, frisch, trinkig und hat trotzdem Anspruch.

Auch am nächsten Tag ist das so. Das Spiel zwischen Säure und der Würze sind toll, die Frucht ist dezent, die Frische ist toll. Ich bin ehrlich ein bisschen überrascht wie gut mir das gerade gefällt. Der Wein nimmt ganz lässig einen Platz unter den besten Weissburgundern unter 10 Euro, die ich bisher getrunken habe, ein. Viel Zeit darüber nachzudenken bleibt aber nicht. Trinkt sich einfach zu schön gerade. Klar, die letzte Tiefe oder besonders viel Komplexität fehlen, aber wer braucht das bei der tollen Balance aus gegen Ende des Abends wieder intensiver werdender Frucht und Würze.

Der Silvaner startet da verhaltener. Mit nur um die 0,5 Gramm Restzucker auf den Liter ist der Wein komplett durchgegoren, staubtrocken nennt man sowas wohl. Die Nase ist dezent, etwas Kernobst, durchaus auch Frische und ganz weit hinten ein kleiner Schluck Badewasser. Wirkt verschlossener und zeigt auch auf der Zunge kaum etwas gerade. Vielleicht ein bisschen Stachelbeere ganz weit hinten am Gaumen. Die bleibt dann aber mit ein bisschen Kräuterwürze ziemlich lange liegen. Normal hilft bei sowas Luft, aber hier scheint es heute in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Der Wein macht noch mehr zu und vor allem im Vergleich mit dem großartigen Weissburgunder passiert erstmal fast nichts mehr in der Nase. Das Mundgefühl kann aber überzeugen. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass er nicht ganz will heute. Schwenken hilft ein bisschen, aber bringt auch nicht die große Veränderung und so geht es zurück in die Kühlung.

Das hat dann geholfen. Er wirkt zwar auch einen Tag später noch leicht unsortiert mit leichtem Hefeeinschlag, aber es passiert schon deutlich mehr. Die Nase wirkt dunkler als beim Weissburgunder und hat mehr Würze und Kraft. Das Kernobst bleibt, das Badewasser ist komplett verschwunden. Im Hintergrund erahnt man ein paar Bananen. Fruchtbombe ist anders. Auf der Zunge ist der Wein schmelzig, kommt viel mehr vom Gefühl als vom Geschmack. Obwohl das so viel Spaß macht bleibt das Gefühl, dass wir weit unter seinem Potential trinken. Wo der Weissburgunder gerade schon richtig toll ist, sollte der Silvaner vielleicht noch ein paar Monate im Keller verschwinden oder statt in der Flasche zu atmen lieber in einer Karaffe landen.

Ein Rest, der es in den dritten Tag geschafft hat, bestätigt das. Die Nase ist immer noch verhalten, aber auf der Zunge ist jetzt richtig was los. Intensive Würze, Apfelfrucht, Kerngehäuse, Cremigkeit und eine nach den zwei Tagen so nicht erwartete Länge. Ja, so ist das großes Silvanerkino. Wie schön, dass man so Wein direkt vor der Haustüre findet.

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