6.6.2023

Mythos Mosel 2023 - Tag 2

Wir waren mal wieder an der Mosel unterwegs und es folgt ein kleiner Reisebericht. Dieses Jahr zwischen Kesten und Zeltingen. Hier der Bericht zum zweiten Tag und ein kleines Fazit.

Das hier ist der zweite Teil zu Mythos Mosel 2023. Zum ersten Teil geht es hier entlang.

Unser Tag startet mit Jammern. Lautem Jammern. Nicht von uns, von Anderen an der Haltestelle. Die Art von lautem Jammern, die sich als persönliches Gespräch tarnt, aber laut genug an alle Umstehenden adressiert wird. Über das Chaos der Busse und ob überhaupt ein Bus kommen würde. Wir hatten da ja bis auf eine längere Wartezeit, die aber direkt am nächsten Halt durch sofortiges Einsteigen kompensiert wurde, keine Probleme am Vortag. Deshalb kann ich nicht beurteilen, ob das gerechtfertigt ist, oder ob Leute, die grau-beige Stoffjacken über beigen Wanderhemden kombiniert mit beige-grauen Ziphosen tragen, nicht auch einfach nur gerne jammern. Ich bin auf jeden Fall mal wieder froh auf dieser Seite des Probiertisches zu stehen und das einfach ignorieren zu können, weil ich denen nichts verkaufen will oder muss. Der Bus kam dann übrigens pünktlich. Praktisch auf die Minute genau nach Fahrplan. Wir steigen ein und fahren durch bis nach Zeltingen.

Wenn man in Ruhe probieren will und dazu noch ein bisschen mit den Winzern am Stand reden, dann ist Sonntag eigentlich immer der bessere Tag das zu tun. Das ist zum einen der Grund warum die Veranstaltung so interessant ist, führt aber zum Anderen dazu, dass man am Ende deutlich weniger Stationen schafft als man sich vielleicht vorgenommen hatte. Je nachdem, wo man unterwegs so landet. Wir hatten bis auf eine Station und die grobe Idee in Zeltingen anzufangen keinen wirklichen Plan und haben uns so durch den Tag treiben lassen.

Wenn man in Zeltingen aussteigt und den Markierungen hinterher läuft, dann führt das dazu, dass man bei Gessinger im Keller landet. Die Idee mit dem Markierungen nachlaufen hatten wir nicht alleine, weshalb es da im Keller schon ziemlich voll war. Man muss auch ein bisschen aufpassen, dass man die rote Absperrkordel nicht übersieht, sonst liegt man im Brunnen, in dem einige Weine von Gessingers lagern. Wir starten aber bei Reuscher-Haart. Der Falkenberg Kabi Trocken 22 ist eher zurückhaltend mit viel Textur und ein bisschen Zitrusschalenbitter. So in der Nachlese bin ich mir jetzt gar nicht mehr sicher, ob das tatsächlich 22 war, da in der online Weinlist 21 steht, ich mir aber 22 aufgeschrieben habe. Die beiden anderen Notizen sind aber auch bei mir mit 21 vermerkt. Der Goldtröpfchen Kabi Feinherb 21 hat eine leicht reduktive Stinkernase und ist super frisch und knackig. Die Goldtröpfchen Spätlese 21 hat auch den Stinker, wirkt gerade aber irgendwie geschmeidiger, dank dem Mehr an Zucker. Jung ist beides noch und gut ist beides auch. Der Rothlay Spätlese Trocken 21 von Gessinger ist noch deutlich dichter in der Nase und hat ebenfalls eine ordentliche Portion Zug. Das ist sehr schwer zu greifen gerade. Da ist das Hifflay GG 2020 schon weiter, mit leichten Reifenoten, viel Würze, Struktur, ein paar Kräutern und schöner Frucht. Noch besser gefällt mir der 56 Grad Feinherb Spätlese 2019. Da ist gefühlt sogar ein bisschen weniger Reife, das ist weich, perfekt ausbalanciert mit Zitrusfrucht und einer grandiosen Textur auf der Zunge. Es gibt dann ein bisschen abseits der Liste noch Graben Versteigerungswein Riesling 22 Trocken, der extrem lang und steinig ist, auf der Zunge aber auch noch ein bisschen Brause hat. Wenn die weg geht, wird das richtig stark. Bei der Pinot Reserve 2020 mag ich zwar die Frucht, mir fehlt aber ein bisschen Kante. Die hat dann, mal wieder abseits der Liste, die Pinot Reserve Privée 2020, die dafür im Gegenzug gerade noch ziemlich ruppig ist. Mit ein paar Jahren im Keller würde ich den aber bevorzugen. Uns war es dann zu laut und eng im Keller und wir sind weiter gezogen zu den Jungen Talenten bei Leo’s.

Mit Leo’s starten wir dann auch. Der Freshman 2022 Zeltinger Schlossberg ist super saftig, braucht aber ein bisschen Schwenken und Schlürfen um um die Hefenoten herum zu trinken. Und obwohl mir das gut gefällt, ist der Wein sofort wieder vergessen. Die 2013 Kreation Johannes Zeltinger Sonnenuhr Feinherb ist einfach zu gut. Das ist so schön, so saftig, mit Zitrus, Honig, gelber Frucht und Stein. Eins der Highlights dieses Wochenende und ich habe gerade im Shop des Weinguts gesehen, dass das unter 10 Euro kostet. Verrückt. Der 2016 Zeltinger Schlossberg Spätlese Feinherb ist auch ziemlich gut gereift und ich mag 16 ja sowieso sehr gerne, aber gegen das Glücksgefühl beim vorherigen Wein kann der gerade nicht viel machen. Der sehr typische 2019 Zeltinger Schlossberg Kabi Fruchtsüß rundet das dann perfekt ab. Nur die Homepage, die sieht leider nicht nach Jungem Talent aus. Weiter bei Simon aus Lösnich. Der Kinheimer Hubertuslay 2022 hat viel Frucht, Steinobst, etwas Mirabelle und ein bisschen Multivitaminsaft in der Nase. Mag ich. Dagegen hat es der Lösnicher Försterlay 22 Feinherb dann ziemlich schwer, weil da ein bisschen der Zug fehlt. Das ist leckerer entspannter Saufwein, aber so direkt nebeneinander verliert er den Vergleich. Die Erdener Treppchen 22 Spätlese ist super saftig und hat dann wieder viel Frische. Die 70 Gramm Restzucker sind natürlich auch da, aber die Balance ist stark. Und dann gibt es mit der Lösnicher Försterlay 2009 Auslese schon den zweiten richtig gut gereiften Wein an dieser Station. Mehr Reife, mehr Süße, aber sehr sauber und mit toller Frische immernoch. Komplex und sehr schön. Mit Gorges-Müller haben wir uns dann ein bisschen verquatscht. Sehr netter Winzer (wie sowieso alle hier an der Station und überhaupt an dem Wochenende). Der Quarzitschiefer 2022 ist saftig und salzig gleichzeitig und hat ein tolles Mundgefühl. Das 2021 -M- GG ist noch salziger, hat in der Nase mehr Frucht und ist im Prinzip einfach mehr von Allem. Der Hasenläufer 2022 Kabi Feinherb ist für mich schwer greifbar gerade. Kräuterig, ätherisch und irgendwie ein bisschen ungewöhnlich, aber spannend. Der Pfaffenwingert 2022 Kabi ist dann wieder typisch Kabi mit Klarheit, Säure und Saftigkeit. Die Gollenberg 2022 Spätlese hat dann ein bisschen Nuss in der Nase und gleichzeitig aber auch diese klare Frucht. Der Knaller ist letztlich die Auslese 2022 -M- mit einem ganz tollen Spontistinker, klarer Frucht und viel Dichte und Expressivität. Das kostet dann hier 12 Euro. Auch verrückt. Aber an den Etiketten, da könnte man mal was machen. Die werden dem tollen Inhalt so gar nicht gerecht. Und das ist schade. Der Weller-Lehnert Weissburgunder 2022 ist lecker, wirkt aber zwischen dem ganzen tollen Riesling gerade ein bisschen verloren. Nicht die Schuld des Weins vermutlich. Der Goldtröpfchen 2022 Trocken hat Kernobst und Stein und eine tolle Struktur. Noch mehr Struktur hat das Goldtröpfchen 2020 GG mit feiner Reife und so viel Dichte, dass man drauf rum kauen kann. Eine richtig gute Station war das, die zwar ein großes Loch ins Zeitbudget gerissen hat, aber wofür, wenn nicht für sowas fährt man hierher.

Wir sind dann ein paar Meter weiter zum Heinrichshof spaziert. Beim Warten auf den Bus am Tag zuvor haben wir ein super nettes Pärchen getroffen, die als Designer bei genau dieser Station ihre Finger im Spiel hatten. Weil wir uns gemeinsam darüber aufgeregt haben, wie altbacken es an der Mosel leider so oft ist, und wie sie das mit dem Heinrichshofdesign anpacken wollten, war das der heutige Pflichtbesuch. Und ja, es ist wirklich schön hier. Modern und irgendwie klassisch gleichzeitig und vor dem Haus im wunderschönen Vorgarten lassen sich mit Blick auf die Mosel auch ganz wunderbar ein paar Moseltapas essen. Zack, das nächste Loch im Zeitbudget, weil Wein gibt es offensichtlich auch zu probieren. Los geht es bei Karl Erbes und die Ürziger In der Kranklei Spätlese Trocken 22 hat eine Frucht zum Reinlegen. Birne, Apfel, fein, klar, strahlend. Toll. Die Würzgarten 22 Spätlese Feinherb ist ein bisschen auf der exotischeren Seite in der Frucht, hat mehr Stein und mehr Würze, ist aber ähnlich schön. Der Würzgarten 22 Kabi zieht einem dann so arg die Backen zusammen, dass der Wein einfach evaporiert. Super saftig. In der Erdener Treppchen Spätlese 22 ist sie dann wieder, diese extrem klare Frucht. Jetzt mit mehr Zucker, aber ich mag diese Art von Frucht in Riesling einfach verdammt gerne. Die Würzgarten Auslese 2020 ist dann mehr von Allem. Nach zwei Gläsern wird man davon satt sein, aber die zwei Gläser sind es wert. Die Römische Kapelle 22 vom Heinrichshof ist mal wieder ein richtig saftiger Wein mit leichter Phenolik hinten raus. Der 22 Schlossberg lag zum Teil im Holzfass und bekommt sicher auch dadurch diese tolle Struktur. Und es geht dann aufwärts auf der Holztreppe. Der 2021 Sonnenuhr Rotlay Trocken hat ein Jahr im Holz, das die 21er Säure ziemlich gebändigt hat. Das ist knackig und sanft gleichzeitig. Das ist gut, aber noch viel schöner ist dann die 21 Schlossberg Reserve. Die liegt in einem Fass aus Eichenholz von der Mosel als Erstbelegung. In der Nase ist der Wein super klar und im Mund hat er eine grandiose Struktur mit einer Vanillenote die sich ewig auf die Zunge legt und da bleibt und bleibt. Ganz toller Wein. Bei Willems-Willems zieht sich eine ganz leicht grüne, aber nicht unreife Säure durchs ganze Sortiment. Das war das einzige mal dieses Wochenende, dass ich so ein einzelnes wiederkehrendes Element wirklich in jedem probierten Wein eines Winzers gehabt habe. Der Saar Riesling 21 ist expressiv duftig und auch sonst ein bisschen grün. Dabei aber nicht unangenehm und ich bin da tatsächlich ziemlich empfindlich. Der 21 Oberemmel Schiefer ist sehr ähnlich nur in eleganter und dichter. Der 21 Altenberg Riesling feinherb lag im gebrauchten Holz, das sich nur ganz leicht hintenraus zeigt. Mag ich. Zum Schluss dann der 21 Euchariusberg Kabinett mit sehr viel Zug, einem leichten Stinker und ein bisschen Rauch. Hüls steuert dann den besten Weissburgunder 22 des Wochenendes bei. Da ist so viel Spannung drin, das das echt gut besteht zwischen dem ganzen Riesling. Der Schieferspiel 22 hat viel Stein und Struktur ist aber noch ein bisschen unsortiert und wird dann vom 21 Kröver Steffensberg auf die Plätze verwiesen. Obwohl 22 frisch ist, ist der 21er einfach so viel knackiger und dazu fast kompromisslos karg. Das ist gut.

Es war dann schon ziemlich spät und wir wollten unbedingt noch nach Graach und eigentlich auch noch nach Bernkastel-Kues. Deshalb hat das Mitschreiben ab hier ein bisschen gelitten. In Graach bei Geierslay hat uns der Chardonnay Blanc de Blanc ziemlich gut gefallen und auch der Wintricher Alte Reben 2020. Das war einer der besten 2020er am Wochenende mit viel Zug, toller Mineralik und schöner Kernigkeit im Mund. Willi Schäfer hatte nur vier Weine dabei, die aber, wie erwartet, alle ziemlich großartig waren. Beeindruckt hat, wie frisch, die Graacher Domprobst Spätlese 2018 war. Wie schon im letzten Jahr, war auch die Kollektion vom Petershof wieder richtig gut, aber ihr wisst ja, die Zeit ist uns davon gelaufen. Und auch Blesius hat unter der Zeitnot gelitten. Nur Domprobst Spätlese 2022 ist mit einem Ausrufezeichen in den Notizen gelandet. Wehlen ist als Ort komplett der Zeitnot zum Opfer gefallen und auch in Bernkastel-Kues haben wir es nur zum Steillagenzentrum geschafft. Zum Glück muss man sagen, weil der Wein aus dem Winninger Röttgen 21 und der Uhlen Roth Lay 21 der Knebelbrüder sind verdammt gut und schaffen es in die Highlights des Wochenendes.

Da bleibt dann noch das Fazit. Es war, zumindest für uns, eine richtig gute Wahl, viele Junge Talente zu besuchen und auch sonst viel Neues zu probieren. Man steht sich nicht auf den Füßen rum, kann viel mit den Winzern reden und wirklich was entdecken. Klar, man verpasst das Jahrgangsbild bei den großen Namen, aber im Zweifel landen die sowieso im Einkaufskorb. Überhaupt das mit dem Jahrgangsbild. Es gab gefühlt ziemlich viel 2021 zu trinken. Im direkten Vergleich bei relativ ähnlichen Weinen hat dann der 22er dagegen fast immer verloren. Was eigentlich unfair ist, weil trotz der Hitze fast alle 2022er eine schöne, frische Säure hatten. Wenn es was zu meckern gab, dann war es oft, dass die Weine so ein bisschen Wischi-Waschi waren. Ob das dann am Winzer oder am Jahrgang oder an der Probenreihenfolge liegt, ist schwer zu sagen. Was auch aufgefallen ist, ist dass alles was wir probiert haben, und wir haben viel probiert, mindestens okay war. Das war die letzten Jahre nicht immer so. Und noch was ist aufgefallen, wir haben keinen einzigen PiWi probiert. Das mag aber an unserer Stationsauswahl gelegen haben, da ich zumindest weiß, dass es bei Stephan Steinmetz (sehr leckeren) PiWi gegeben hätte. Schade eigentlich, weil ich immer gerne probiere, was man aus den Sorten machen kann. Auch wenn das dann öfter mit den nicht okayen Weinen einher geht. Als Fazit bleibt, dass ich 2022 mag. Es ist durch die Bank viel frischer als ich vermutet hatte und es werden wohl einige Kabis und Spätlesen den Weg in den Keller finden. Weinhighlights ohne Anspruch auf Vollständigkeit waren Knebel Röttgen 21, Max Ferd. Richter Alter Satz, Grandbois Pinot PetNet, Steffens-Keß Riesling Sekt, Lehnert-Veith 2017 Goldtröpfchen Pinot GG, Leo’s 2013 Kreation Johannes Sonnenuhr, Gorges-Müller Auslese -M- 2022, Karl Erbes In der Kranklei SL Trocken 2022, Heinrichshof 21 Schlossberg Reserve, Knebelbrüder Uhlen Roth Lay 21.

Als Fazit bleibt auch, dass ich die Mosel mag. Die Landschaft ist großartig, die Leute sind super nett und überhaupt sollte man als Rieslingtrinker mal vor einem Schieferhang gestanden haben. Aber Urlaub an der Mosel machen, so ganz ohne so eine Veranstaltung, würde ich nicht. Es ist irgendwie auch anstrengend. Essen gehen? Küche schließt um 20 Uhr, Küche schließt um 20:30. Am Telefon bei Reservierung um 19:00 bzw 19:30 kein Wort davon. In keinem der beiden Läden. Ich verstehe ja, dass die Personalsituation katastrophal ist. Aber dann sagt das doch bitte. So war es dann für Nachtisch tatsächlich zu spät. Es ist ja schon schwer genug überhaupt was zu finden, wo man hingehen will und ohne Auto auch hinkommen kann und wird dann öfter trotzdem enttäuscht. Immerhin konnte man inzwischen überall mit Karte zahlen. In Brauneberg gibt es nämlich keinen Geldautomaten. Vor 5 Jahren ist uns das ziemlich auf die Füße gefallen, weil Kartenzahlung war da noch Zukunftsvision. Und insgesamt ist man sich bei vielen Dingen nicht so ganz sicher, ob das jetzt charmant rustikal oder einfach nur altbacken ist. Ich befürchte, dass der gezwungenermaßen notwendige Umstieg von zu dritt nebeneinander radelnden E-Bike-Rentnern auf eine jüngere Tourismusgeneration nicht ganz einfach werden wird. Aber es gibt auch schöne Dinge zu berichten. Jedes Jahr hatten wir uns vorgenommen Sonnencreme zu benutzen. Jedes Jahr sind wir mit Sonnenbrand nach Hause gekommen. Dieses Jahr nicht und das trotz zweier Tage voll Sonnenschein. Und dank unserer großartigen Klappfahrräder sind auch Restaurants im Nachbarort trotz Rieslingreise in Reichweite gerückt. Und im Alten Kelterhaus in Wintrich haben wir dann zum versöhnlichen kulinarischen Abschluss Sonntags richtig lecker gegessen. Nur die Fotogelegenheiten, die waren letztes Jahr mit der Trittenheimer Moselschleife doch deutlich beeindruckender. Egal. Wir kommen wieder an die Mosel. Wenn es eine Veranstaltung gibt.

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