1.10.2023

Schnaitmann - Kostobel 2021

Wir trinken diese Woche aus Württemberg eine Flasche Kostobel Grauburgunder 2021 vom Weingut Schnaitmann.

Nach ziemlich vielen Weinen aus dem Burgund oder zumindest Weinen aus Chardonnay oder Spätburgunder, dachte ich mir, dass ich mit dieser Flasche Grauburgunder eine kleine Brücke baue zurück zu mehr Rebsortenvielfalt. Da steckt zwar immer noch Burgund im Namen, deshalb die Brücke, gleichzeitig dürfte Grauburgunder im Kopf derer, die mehr als “Weißwein” oder “Rotwein” bestellen, irgendwo in der Kategorie Belanglos einsortiert sein. Das ist in meinem Kopf natürlich nicht anders und trotzdem oder gerade deshalb haben sich hier im Blog über die Jahre einige Grauburgunder angesammelt, die diese Schublade sprengen. Und dieser hier tut das auch. Zumindest hoffe ich das beim Kauf, da die aufgerufenen knapp über 40 Euro ziemlich ambitioniert sind und die Stimme im Kopf immerzu “und das für einen Grauburgunder” vor sich hin murmelt. Überhaupt waren die letzten Wochen ziemlich teuer und ich will das wieder ändern. Das stellt dann auch den kleinen Schwaben im Kopf zufrieden, der jetzt nur noch was von Viertele schlotzen murmelt und dann hoffentlich leise ist. Schnaitmann mag ich ja grundsätzlich ganz gerne, die Lemberger und Rieslinge sowieso, den Trollinger aber eben auch. Sehr sogar und dessen Ruf ist noch viel schlimmer. Warum also nicht auch Grauburgunder. Dieser hier ist eine Sonderabfüllung für Wein am Limit. Ein Teil der Trauben wird auf der Maische vergoren und dann wird Alles für 9 Monate in gebrauchten Holzfässern auf der Vollhefe ausgebaut. Der Wein kommt dann, wie man unschwer auf dem Bild selbst im verschwommenen Hintergrund erkennen kann, ohne Filtration als schwäbischer Landwein auf die Flasche. Was man auch erkennen kann, ist was passiert, wenn man den Korkenzieher schräg und nicht tief genug eindreht um dann festzustellen wie Hebelwirkung und sehr schiefes Ziehen in der Realität funktioniert. Zum Glück hat der abgebrochene Restkorken kooperiert und sich komplett ohne Krümel und Murren entfernen lassen.

Das, was da dann dem Korken aus der Flasche folgt, ist beim ersten Riechen eine Herausforderung. Als ziemlicher Gegenentwurf zu belanglosem Fruchtwein ist das kräuterig, straff, kühl und praktisch fruchtlos. Und auch beim Trinken ist da erstmal nichts mit Frucht. Der Wein hat extremen Zug, ist auch hier straff und dicht und mit der Struktur der weißen Häutchen von mehreren Grapefruits ausgestattet. Das ist aber neben der Bitternote so saftig, dass man direkt nochmal trinkt. Radikaler Grauburgunder würde ich sagen. Und mit Luft und Schwenken entwickelt sich dann doch noch etwas Apfel und Zitrus auch in der Nase.

Der erste Gedanke am zweiten Abend ist, dass da immer noch was Wildes im Wein ist. Aber das stimmt nicht, das ist ungewöhnlich, aber wild ist das nicht und das war es auch am ersten Abend nicht. Ganz im Gegenteil, das ist super sauber. Aber eben anders als man das so erwarten würde. Das ist auf eine Art limonadig, hat ein bisschen Cidre und viele Kräuter. Das erzählt von Orange und Natural, ist aber weder das Eine noch das Andere. Das ist Saufwein. Man kann in großen Schlucken die Gläser leeren, wenn man will, dann kann man aber auch ewig über dem Glas hängen und riechen und schmecken und immer wieder Neues entdecken. Die Entwicklung vom anstrengenden ersten Schluck, zu dem was das jetzt auf der Zunge macht mitzuerleben, ist einer dieser Weinmomente, wegen denen es nie langweilig wird. Das ist beeindruckend und mit dem was ich mir unter Grauburgunder vorstelle, auch nach den vielen Guten, hat das relativ wenig zu tun. Das ist Wein, das ist Limo und leicht gehopfter Cider, das ist unkompliziert und hochkomplex gleichzeitig, das ist eindrucksvoll und eigenwillig und findet gegenüber am Tisch noch mehr Liebe als bei mir schon. Das ist ziemlich großartig tatsächlich.

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