4.1.2026

Zwei Flaschen Böhm Ciderwerkstatt

Weiter geht es durch die Welt des vergorenen Streuobsts. Wir trinken von der Böhm Ciderwerkstatt eine Flasche Ochsental Cider 2023 und eine Oberösterreicher Weinbirne aus 2022.

Auf einem Holztisch stehen zwei Flaschen Obstschaumwein von der Böhm Coderwerkstatt. Im Hintergrund sind ein Weinglas und ein Bücherstapel zu sehen.

Plöpp. Plöpp. Hach, Bügelflaschen. Bei aller Diskussion um Baumrinde, Agglomeratkorken, Schraubverschluss, Kronkorken, Glaspömpel und allerhand Plastik im Flaschenhals, bei all der Freude der Traditionalisten am Korkenziehen, all dem Schmerz beim Geruch nasser Pappe und dem Gefühl der Sicherheit beim Auschrauben. Wenn irgendwo daneben eine Bügelflasche steht, dann sind meine beiden Daumen schneller am Bügel als irgendwer Agraffe rufen kann. Plöpp. Und niemand, wirklich gar niemand kann mir erzählen, dass das nicht geil ist. Je Plöpp, desto besser eben. Und zumindest in meinem Umfeld bin ich nicht alleine, hier im Haushalt sogar meist zu langsam an der Flasche. Ein Stück Völkerverständigung, das das junge Jahr leider schon dringend brauchen kann. Ein Jammer, dass im Weinbereich diese Art Verschluss so überhaupt gar keine Rolle spielt. Der Einzige, der mir auf Anhieb einfällt ist der petnaT 3000 vom Weingut Schätzel. Aber wir trinken gerade ja keinen Wein sondern vergorenes Streuobst und bei der Ciderwerkstatt Böhm wird unter Plöpp gefüllt. Hurra!

Drei Generationen der Familie Böhm werkeln seit 2018 in Mulfingen-Hollenbach in Hohenlohe in ihrer Ciderwerkstatt. Einer der Benefits ein paar Wochen im Jahr Apfel, Birne und Quitte zu trinken ist sicherlich auch, dass man noch mehr Orte kennen lernt, die man vorher noch nie gehört hatte. Die Bäume aus denen die beiden Flaschen gekeltert wurden stehen auf alten Streuobstwiesen rund um Hollenbach. Manfred Böhm erwarb 2017 ein altes Anwesen in dessen Natursteinkeller seitdem der Most gären und reifen darf. Was mit 50 Litern anfing ist, wenn man die letzten Insta-Posts so anschaut, inzwischen ein fast platzender Keller voller Fässer. War eben auch viel Obst in diesem, ah nein halt, inzwischen ja letzten Jahr. Wie allen anderen kleinen Produzenten liegen auch den Böhms die traditionellen Streuobstwiesen und deren Erhalt am Herzen. Die inzwischen auch vorhandenen Bienenvölker helfen da natürlich. Wir trinken zwei Flaschen heute, allerdings nicht die, die ich angedacht hatte. Der Plan war einmal Rot, also Cider aus den Wiesen um das Kaff Rot, nicht die Farbe, da der trocken gewesen wäre. Aufgefallen ist mir das aber erst als die Flasche schon getrunken war. Und so trinken wir heute einen Birnenwein, praktisch ohne Blubber, aus der Sorte Oberösterreicher Weinbirne aus dem Jahr 2022 in halbtrocken. Und einen Ochsentalcider, mit Blubber, aus 2023. Der enthält unter anderem die Sorten Gewürzluike, Öhringer Blutstreifling, Brettacher, Goldparmäne und Kaiser Wilhelm.

Los geht es mit der Birne. Klar, reif und ziemlich süß in der Frucht. Da ist etwas Honig, ein bisschen Cremigkeit und ein paar Kerngehäuse. Intensiv und tatsächlich ziemlich süß beim Riechen. Beim Trinken kommt auch erst die Frucht und dann Honig, viel Honig, der sehr lange auf der Zunge bleibt. Das ist nicht unbedingt das, was wir sonst so aus Birnen trinken. Viel Süße, kein Blubber. Aber wenn man das dann im Mund hat, dann fragt man sich, warum eigentlich. Da ist durchaus Frische hinter dem Honig und wenn man schlürft, dann ist da auch Gerbstoff. Ich mag das. Vielleicht nur ein Glas lang, das weiß ich noch nicht, aber ich mag das. Und zu Nachtisch, oder vielmehr als Nachtisch dürfte das richtig gut funktionieren. Und auch das zweite Glas macht Freude.

Die Cremigkeit in der Nase hat sich am zweiten Abend in eine massive Menge Buttertoffee verwandelt. Und diese Mischung aus Buttertoffee und Birne, die ist schon wirklich gut. Schmecken tut es unverändert, die Nase bekommt man aber nicht mehr aus dem Glas.

Der Cider hat da deutlich mehr Zug in der Nase. Verdrehte Welt, wo uns doch sonst der Perry, die Falten zieht. Das liegt sicherlich auch an der hier vorhandenen Kohlensäure. Er wirkt aber auch kerniger, nicht so fruchtig. Da ist grüner Apfel, etwas Schale und wirklich viel Zug. Da ist mehr Säure oder eben entsprechend weniger Zucker. Süße ist da auch, die balanciert, schmeichelt, ein bisschen altes Heu, etwas Pferdestall, ein bisschen Kerngehäuse und Waldhonig. Je länger der Cidre auf der Zunge liegen bleibt, desto süßer wirkt er. Mein Krittelpunkt tatsächlich. Das erste Glas verschwindet quasi sofort, das zweite viel langsamer. Die Süße macht irgendwie satt. Wir können die Nicht-Zero-Dosage-Schäumer im Jahr, oder wenigstens Extra-Brut-Vertreter, aber auch an wenigen Fingern abzählen. Vielleicht ist auch das nur eine Phase und irgendwann trinken wir auch da wieder mit mehr Restzucker. Die Balance jedenfalls ist wirklich schön, das ist ein bisschen wild, ein bisschen kernig, sauer, süß, apfelig.

Die Flasche überlebt samt Schäumen ganz lässig eine Nacht im Kühlschrank. Wieder zu machen ist ja auch kein Problem. Kurz habe ich sogar das Gefühl, dass der Plöpp noch ein bisschen mehr Plöpp macht am zweiten Tag. Das mag aber Einbildung sein, denn nennenswerte Nachgärung in einer Nacht bei Kühlschranktemperaturen ist eher unwahrscheinlich. Und auch an Balance hat es nichts verloren. Sehr lecker. Auch für Brut-Nature-Trinker.

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