Zwei Flaschen Der Kleine Cidre Betrieb
Diese Woche gibt es eine Flasche Poiré Sommerberg 2023 und eine Flasche Cidre Eulenbaum 2023 von Der Kleine Cidre.Betrieb

Wenn man Wein trinkt, auch wenn man gerade erst anfängt damit, dann dauert es nicht lange und es wird einem der Terroirbegriff um die Ohren gehauen. Davon ist Cidre und Poiré weit entfernt. Das liegt sicherlich daran, dass Reben ihren unmittelbaren Standort viel ausgeprägter abbilden als Obstbäume das je könnten. Das ist aber gar nicht das, worauf ich hinaus will. Es gäbe genug Aufhängepunkte für Terroir in vergorenem Streuobst. Quer übers ganze Land verteilt werden Äpfel und Birnen verarbeitet und niemand wird abstreiten, dass, Mikroklima hin Mikroklima her, das lokale Klima durchaus ziemlich unterschiedlich ist. Es gäbe unglaublich viele, sehr lokale Sorten. Hier um die Ecke steht mit ein paar Bäumen der Sorte Schwarze Birne ein sehr gutes Beispiel dafür, das inzwischen auch Arche Passagier ist und aus deren Früchten Helmut Dolde Schäumer macht. Außerdem ist da der Einfluss des Kellers, der Erziehungsform, des Ausbaus. Ist das dann noch Terroir? Unzweifelhaft hat es großen Einfluss auf das, was in der Flasche landet und ist an Ort und Produzent gebunden. Welchen Begriff man dafür auspacken möchte, zweitrangig. Vor allem auch, weil Apfel, Birne und Quitte hierzulande noch unglaublich weit von dieser Diskussion entfernt sind. Anstatt den Fokus auf lokale Sorten legen zu können, muss an vielen Stellen überhaupt wieder das Bewusstsein geschärft werden, dass es mehr als die handvoll Sorten Apfel gibt, die im Supermarkt liegen. Und die Bäume dafür pflanzen. Über die Zeit, die eine Rebe braucht für die ersten Trauben lacht ein Birnenbaum nur müde. Dafür steht der dann aber vielleicht mehrere hundert Jahre an Ort und Stelle. Wenn man ihn denn lässt. Und auch das Getränk an sich, also handwerklich hergestelltes, vergorenes Streuobst in Flaschen, findet bisher nur in winzigen Mengen statt. Das ist sicherlich einer der Gründe, warum ganz viele der Produzenten, die wir hier im Blog trinken, in der einen oder anderen Form Wiesen mit möglichst vielen, alten, vielleicht auch lokalen Sorten bepflanzen. Und wer weiß, vielleicht ist das der Grundstein dafür, dass in ein paar Jahrzehnten dann auch beim Cidre viel mehr über Terroir gesprochen werden kann als heute.
Volker Nussbaum jedenfalls trägt seinen Teil dazu bei. In Beckum im Münsterland legt er 2021 eine Wiese mit über einhundert verschiedenen Sorten an. Nicht alleine natürlich, sondern mit Unterstützung von Familie und Freunden, denn Bäume pflanzen ist ziemlich anstrengend. Ich spreche da aus Erfahrung. Die Geschichte beginnt jedoch ein paar Jahre vorher. Beim Fahrradfahren wunderte sich Volker über unbeerntete, öffentliche Bäume am Straßenrand. Ich verweise hier auch einfach mal auf Mundraub.org als mögliche Quelle um auch in eurer Nachbarschaft öffentliche Bäume zu finden. Oder vielleicht kennt ihr sowieso schon Bäume mit gelbem Band um den Stamm, das anzeigt, dass man hier öffentlich ernten dürfte. Er hat dann einfach angefangen daraus Apfelwein zu machen. Und wie das so ist mit Hobbies, die ausarten, ist er inzwischen Certified Cider Professional und verkauft seinen Kram. Das Obst dafür kommt von ungespritzten Wiesen aus dem Umland, denn die eigenen Bäume werden noch eine ganze Weile brauchen, bis sie in der Flasche landen können. Der Eulenbaum Cidre wird aus verschiedenen Apfelsorten gekeltert und mit Zuchthefe vergoren. Der Sommerberg Poiré aus verschiedenen Birnen und spontan. Beide Flaschen bekommen ihren Blubber durch eine zweite Gärung auf der Flasche.
Los geht es mit Apfel. Der Eulenbaum riecht kernig, leicht nussig und natürlich nach Apfel. Allerdings mehr in die Richtung Bratapfel als in Richtung frischer Apfel. Hier auf dem Wochenmarkt gibt es Bratapfelmarmelade und so ein bisschen fühle ich mich daran erinnert. Da sind Apfelschalen, leicht angelaufen, und auch ein Touch Vegetabiles. Der Cidre ist herb beim Trinken, hat schönes Tannin, Grip und Struktur. Da ist erst Frische, die dann hinten raus von herbem Honig und Karamell abgelöst wird. Je mehr Schlücke man trinkt, desto mehr wandelt sich die Frucht zum frischen Apfel. Samt Kerngehäuse. Solo finde ich, dass die Frucht mit mehr Klarheit und Zug noch besser wäre. Zum kulinarischen Dauerbrenner hier im Haushalt, Quiche mit Räucherlachs, Lauch, orientalischer Würze, großzügig Bergkäse und einer Chili, passt das aber unglaublich gut.
Der Poiré hat vom ersten Moment an das, was mir beim Apfel abgegangen ist. Fokus, Straffheit und eine extrem klare Frucht, die Poiré für mich ausmacht. Da ist natürlich Birne in der Nase, etwas Schale, Würze, es wirkt kühl und knackig. Und genau so schmeckt der Sommerberg auch. Viel knackige Säure, kaum Gerbstoff und eine schöne Frucht. Das hätte auch gut zum Essen funktioniert, muss aber als Sonntag-Nachmittags-Sprudel seinen Dienst tun. Es gibt schlimmere Schicksale für eine Flasche Birnensprudel. Hinten auf der Zunge wächst mit jedem Schluck die Struktur heran und gleichzeitig wird mit Luft, insbesondere beim Schlürfen, die Birne immer birniger. Das ist richtig stark. Gerade die Mischung aus Süße, leichter Bitternote, klarer Frucht und der straffen Säure ist genial. Umso glücklicher bin ich, als ich feststelle, dass ja noch Quiche-Reste im Kühlschrank warten. Und ja, das passt sehr gut.
Und dann sitze ich da und verstehe mal wieder nicht, warum sowas nicht viel öfter auftaucht. Gar nicht mal dieser hier im Speziellen, der natürlich auch, aber Cidre und Poiré im Allgemeinen. Blubber macht doch eigentlich sowieso immer Spaß, dazu der wenige Alkohol, die Frische und, sofern einem das Tannin nicht die Backen zusammen zieht, auch das Unkomplizierte. Und dann geht es auch noch richtig gut zu ganz viel Essen. Was will man mehr. Kommt hoffentlich noch. Und wer weiß, vielleicht kann irgendwann jemand darüber grübeln und schreiben, ob das jetzt typisch Beckumer Apfelterroir ist. Und ob ein paar Zentner geflammter Münsterstreifling (oder wie auch immer die typischen Regionalsorten heißen) der Cuvée gutgetan hätten. Wegen der Bitterstoffe oder der Säure. Oder der apfeligeren Frucht. Heute ist noch nicht dieser Tag. Aber bis dahin machen wir den ersten Schritt und freuen uns daran, dass es so handwerklichen Obstblubber hierzulande immer häufiger gibt. Und das ist ja auch schonmal was.