Zwei Flaschen Fruitslagers Cul Sec
Wir trinken von den alkoholfreien Schäumern des Labels Cul Sec von Fruitslagers eine Flasche Balade Minérale und eine Flasche Rouge en Voiture.

Wir unterbrechen das Cidre-Programm für eine wichtige Durchsage. Bevor wir uns mehr oder weniger Hals über Kopf in vergorenes Streuobst verliebt haben, war im Januar Raum für alkoholfreie Getränke. Nichtmal unbedingt, weil wir im Januar keinen Alkohol trinken wollten, sondern vor allem deshalb, weil auch da viel Spannendes passiert und gerade im Januar dieses Thema an allen Ecken und Enden aufkommt. Ganz egal wie man zu Dry January steht, man wird nicht bestreiten können, dass mehr Auswahl an spannenden Getränken ohne Alkohol eine gute Sache ist. Dann muss mal mindestens der Fahrer weder Wasser noch Saft trinken, während der Rest an der Weinbegleitung nippt. Und wie schon bei Cidre und Co ist dieses Thema auch in Dingen Herkunft ein potentiell ganz neues Feld. Die beiden Getränke heute kommen nämlich aus den Niederlanden von Fruitslagers. Cul Sec ist deren nicht-alkoholische Weinalternative, die es im aktuellen Jahrgang in vier Sorten gibt, derer zwei wir probieren. Die allerdings wiederum nicht aus dem aktuellen Jahrgang stammen, dazu später mehr.
Der innere Schwabe muss nämlich vorher kurz mäkeln. Ich bin mir sicher, dass der Füllstand der Flaschen so sein soll. Auf den Marketingbildern und auf der eigenen Homepage sind die exakt gleich voll. Oder eben nicht voll. Als ich die nämlich aus dem Karton gezogen habe, dachte ich erst kurz, dass da die Füllanlage aber zu niedrig eingestellt war. Kein guter Start, wenn man sich direkt um 2cm Füllhöhe betrogen fühlt. Soll aber offenslichtlich so, also alles gut. Alkoholfreie Weinalternativen, oder Proxy, wie man inzwischen modern sagen würde, haben komplett unterschiedliche Herangehensweisen. Das fängt an beim Alkoholentzug eines ansonsten alkoholhaltigen Getränks, Kräuterauszüge, Fermentation, Fokus oder wilde Kombination. Bei Cul Sec dachte man sich “Viel hilft viel” und dementsprechend reichhaltig sind die Listen auf den Labels.
Beim Roten steht auf dieser Liste Sangiovese-Traubensaft, Kräuteraufguss (Wasser, Eichenholz, Birnenholz, Hibiskus, Enzian, Rosmarin, Kakao), Kombucha, Wasserkefir, Brombeersaft, Rhabarbersaft, Rote Johannisbeere, Erdbeersaft, Rauchige Torf-Tinktur (Glycerin, Wasser, Torf), Alkohol-Tinktur (Wasser, Alkohol, Vanille, Schwarze Johannisbeerblätter, Eichenholz, Szechuanblatt, Kakao, Schwarzer Pfeffer). Zumindest bei der Flasche, die wir hatten, denn der aktuelle Jahrgang setzt auf Pinot und Kékfrankos aus Ungarn und Dornfelder aus Kitzingen. Die Trauben stammen aus Bioanbau von Partnerbetrieben. Und auch an den sonstigen Zutaten wurde geschraubt. Jahrgangsvariation im Proxy also.
Viel ist auch das, was man dann in der Nase hat. Es riecht ein bisschen medizinisch, nach sehr trockenem Amaro und Wermut, viele Kräuter, viel Würze. So ein bisschen Negroni ohne Gin. Sbagliato kommt mir in den Kopf. Da ist etwas Holz, eher subtiler Rauch und dahinter Kirschbonbon und Beeren. Die kräuterige Würze dominiert auch den Geschmack. Erst kommt Frucht, dann die Säure und dann zieht das Bittere von hinten nach vorne über die Zunge. Die Struktur und Textur sind wirklich gut. Jeder weitere Schluck wird erst kurz etwas süßer oder etwas fruchtiger und wird dann wieder von den bitteren Kräutern eingefangen. Das ist sehr stark und vom ersten Schluck an weit vorne mit dabei was alkoholfreie Alternativen angeht. Das hat Länge und Tiefe und auch das leere Glas riecht noch spannend und nicht nur nach süßem Fruchtsaft. Auch hier sind 40g Zucker auf den Liter im Spiel, die aber so gut eingebunden sind, dass sie eigentlich kaum auffallen. Erstaunlicherweise funktioniert das als Begleitung zum Kaiserschmarrn mit (etwas sauer geratenem) Zwetschgenröster hervorragend gut. Die Frucht wird fruchtiger dabei, das Bittere rückt weiter nach hinten. Es wirkt frischer zum Schmarrn und süßer zur Zwetschge. Die Mittrinkerin fühlt sich an Sauna und Fichtenaufguss erinnert und da ich nicht in die Sauna gehe nicke ich einfach mal. Man kann das ganz entspannt über den ganzen Abend weiter trinken. Spannend. Und zwar nicht als etwas schlechterer Ersatz weil man fahren muss. Sondern als ganz eigenes, eigenständiges Getränk. Wir werden nachkaufen. Alleine schon um rauszufinden wie der neue Jahrgang schmeckt.
Die Liste auf dem weißen Schäumer, Balade Minérale, ist nur unwesentlich kürzer: Chardonnay- und Pecorino-Traubensaft, Water Infusion (Wasser, Eiche, Austernschalen), Wasser, Wasserkefir, Stachelbeersaft, Meerwasser, Alkoholtinktur (Wasser, Alkohol, Weinblätter, Dulse, Fucus Serratus, Zitronenverbene, Schwarze-Johannisbeer-Blätter, Douglasiennadeln). Im aktuellen Release werden das Müller-Thurgau und Bacchus aus Kitzingen sein als Basis.
Meine erste Assoziation ist kurz Vanille. Ich muss lachen, weil ausgerechnet Vanille auf der Zutatenliste nicht zu finden ist. Es wirkt kühl und mineralisch und im direkten Vergleich zum Roten eher auf der traubigen Seite. Da ist beim Trinken dann richtig Zug dahinter. Die Säure knallt, zieht an den Backen und wird dann von Struktur und Salzigkeit abgelöst. Ich weiß natürlich, dass Austernschalen Kontakt zu dem hatten, was ich da trinke, und wenn man das im Kopf hat, dann schmeckt man das vielleicht automatisch. Aber tatsächlich hatten wir Weine, die mehr nach Meer geschmeckt haben. Es fehlt vielleicht die leicht jodige Note zur echten Meeresbrise. Was er mit dem Roten gemeinsam hat, ist dass jeder Schluck, jedes Reinriechen interessant bleibt. Es ist nicht so schnell auserzählt. Mir ist die Säure zu spitz. Aber, wie meistens, wird das Gegenüber anders gesehen. Und so richtig gehen die Meinungen dann auseinander, wenn man die Flasche aufschüttelt. Es wird richtig trüb, weniger Frucht, mehr Struktur, mehr Textur. Die Mittrinkerin feiert das. Ich gehe zurück zum Roten.