Zwei Flaschen De Moor
Wir starten ins Weinjahr mit zwei Weinen aus dem Burgund. Von Alice und Olivier de Moor trinken wir einen Chardonnay Bel-Air et Clardy 2020 und aus Zukauf einen Vendangeur Masqué Rouge 2020.

Die Angst trinkt mit. Wobei, das stimmt nicht ganz, aber die Angst zieht definitiv mit am Korken. Denn wenn der mal raus ist aus der Flasche De Moor, dann herrscht Gewissheit, aber bis es soweit ist, wartet irgendwo im Unterbewusstsein die Erfahrung mit den beiden Flaschen Mont de Milieu. Ich weiß natürlich, dass das nur Pech war, dass es jede Menge Artikel und Posts gibt, die mehr Glück bei exakt diesen Weinen hatten, aber so ganz aus dem Kopf bekomme ich es eben auch nicht. Schon auch erschreckend, wie sich eine einmalige schlechte Erfahrung so krass ins Unterbewusstsein einnisten kann. Zumindest bisher hat es keine einzige Folgeflasche De Moor geschafft, das zu verdrängen und an Mont de Milieu haben wir uns überhaupt nicht mehr ran getraut. Der Kaufenfinger zumindest zuckt nicht mehr ganz so stark und da die Flaschen trotzdem immer mega schnell aus den Shops wieder verschwinden, muss man da auch kein schlechtes Gewissen haben.
Das Chablis, also die nördliche Ecke Burgund, in der Alice und Olivier de Moor ihre Weine machen, ist Weißweingebiet. Dass wir trotzdem eine Flasche Rotwein auf dem Tisch stehen haben, liegt daran, dass die Beiden seit einigen Jahren auch eine Négoce-Linie unter dem Namen Le Vendangeur Masqué, also der maskierte Winzer, unter ihren Fittichen haben. Der Pinot ist trotzdem ein Sonderling im Portfolio und so habe ich nicht besonders viel Information gefunden. Tatsächlich nur zum aktuellen Jahrgang 2024 und weil ich keine Ahnung habe, ob die Trauben überhaupt vom selben, maskierten Winzer stammen, lassen wir die Details in diesem Fall Details sein. Die zweite Flasche, ein Chardonnay, enthält Trauben aus den Parzellen Bel Air und Clardy, wird spontan vergoren und dann in gebrauchten Holzfässern für mindestens ein Jahr ausgebaut.
Im ersten Moment wirkt der Chardonnay so, als würde er noch nach Hefe riechen. Ungewöhnlich nach so vielen Jahren, aber nicht unmöglich. Zwei, drei Umdrehungen im Glas später ist davon aber nichts mehr übrig. Dafür sind da jetzt mürber Apfel, etwas Getreide, alte Marille und insgesamt viel gelbe Frucht. Wild ist es ein bisschen, hat was Jodiges und transportiert Wildheit und Jod auch auf die Zunge. Die Säure hat dann aber so viel Kraft, dass in der Zungenmitte erstmal nicht viel Anderes übrig bleibt. Dahinter dann Zitrus, sehr grüne Äpfel samt Schale und Kernen. Jeder Schluck bringt mehr Klarheit, mehr Zug und mehr jodige Mineralität. Spannend, null gereift und sicher gerade zu einem richtig guten Zeitpunkt erwischt.
Entgegen meiner Erwartung wird es noch klarer am zweiten Abend. Da ist gepufftes, eher nussiges Getreide und weiter das gelbe Obst. Die Säure ist zahmer geworden, sanfter, der Apfel mehr gelb als grün, aber weiter sehr deutlich Apfel in der Art wie es sich anfühlt. Das ist schon sehr stark. Ich darf mir die Frage gar nicht stellen, ob nicht doch noch ein bisschen Nachkauf der frischen Jahrgänge schlau wäre. Großartiger Chablis ist das in jedem Fall.
Der Pinot hat eine wunderschöne Frucht. Sehr helle Himbeermarmelade, etwas Holz, etwas Jägermeister. Nein, eigentlich ziemlich deutlich Jägermeister und dazu der Platz in der Kneipe nah an der Türe zum Raucherzimmer. Jedes mal die Nase ins Glas hängen ist anders. Faszinierend. Mal verschwindet die Himbeere fast komplett, mal ist da nichts als Himbeere im Duft. Und das im Abstand von vielleicht 10 Minuten. So geht es tatsächlich den ganzen Abend weiter mit dem Wein. Beim Trinken ist da viel Frische, Zug, aber das, was er beim Riechen verspricht, das kann er nicht ganz einlösen. Zu kühl wirkt er im Mund, zu distanziert. Aber auch hier helfen 10 Minuten Wartezeit. Rote Johannisbeeren, frisches Holz und Acerola-Kirsche. Und auch der Pinot wirkt jünger als die 6 Jahre, die er auf dem Buckel hat.
Entgegen dem Chardonnay jedoch tut dem Pinot die Nacht in der offenen Flasche nicht gut. Er fängt an auseinanderzufallen am nächsten Abend. Nicht komplett, aber er ist eben auch nicht mehr das, was er tags zuvor noch war. Da ist immer noch Jägermeister, dazu wirkt er vegetabiler, die Beeren sind weg und kommen auch nicht wieder. Ein paar Kirschen vielleicht, etwas rote Beete. Das Tannin ist sanft, die Säure frisch, aber es fehlt etwas. Jetzt steht das irgendwo auf der Strecke zwischen Enzianschnaps und Hustensaft und man mag es dort nicht so recht einsammeln gehen. Es klingt beim Lesen jetzt schlimmer als es ist, das ist kein schlechter Wein, aber das Feuerwerkt an Frucht und Würze am ersten Abend, damit hat es jetzt nicht mehr viel zu tun. Vielleicht die Baumrinde, die war sehr nass beim Ziehen, vielleicht auch einfach Zeit jetzt, dass man ihn trinkt. Dann am besten an einem Abend, denn da war er schlicht genial.