1.2.2026

Zwei Flaschen Perry von Kertelreiter

Wir trinken zum Abschluss der kleinen Streuobstreihe nochmal zwei Flaschen Perry von Kertelreiter: Eine Bayerische Weinbirne 2024 und eine Flasche Helden 2024.

Auf einem Holztisch stehen zwei Flaschen Obstschaumwein von Kertelreiter. Im Hintergrund sind ein Weinglas und ein Bücherstapel zu sehen.

Falls sich jemand fragt ob ich den Kalender lesen kann. Ja, schon. Februar, ich weiß. Aber eine Woche müssen wir noch auf Trauben warten, denn wir schieben noch einen Birnbaum dazwischen. Wortwörtlich. Wenn das Credo lautet, je enger die Herkunft, desto besser, dann bleibt heute nur eine Schlussfolgerung. Ein einzelner Baum ist dann gezwungenermaßen nicht nur der Gipfel dessen, nein er ist der oberste Stein des Steinmännchens, das jemand auf der Spitze des Gipfelkreuzes liebevoll angehäuft hat. Der alleroberste, kleinste Kieselstein. Dem Himmel am nächsten. Denn enger geht nicht mehr. Wenn Herkunft alles ist, dann wurde hier alles rausgeholt. Ein einzelner Baum. Und alle Diskussion beiseite, ob Streuobst von Sortenreinheit profitiert, was Lage überhaupt bedeutet im Kontext Obstbaum, die Tatsache, dass das in der Flasche an einem einzelnen, sehr großen und uralten Birnenbaum gewachsen ist. Da bleibt nur Faszination.

Kertelreiter hatten wir vor ziemlich genau einem Jahr schonmal im Glas und da gab es schon genug Hintergrundwissen, weshalb ich in diesem Jahr auf die Wiederholung der Vermittlung verzichte. Aber weil das noch gar nicht so lange her ist waren diese beiden Flaschen eigentlich nicht nochmal eingeplant. Aber Single Tree Perry, die Verlockung war dann doch zu groß. Der Helden wächst, wie inzwischen oft genug betont, an einem einzelnen, um die 150 Jahre alten Baum der Sorte Karcherbirne. Dass das Karcherbirne ist, das ist noch gar nicht so lange klar. Ich meine, dass letztes Jahr auf der Kertelreiterhomepage noch “unbekannte Birnensorte” stand. 242 Flaschen gibt es davon. Und weil man auf einer Flasche so schlecht stehen kann trinken wir noch eine Flasche Bayerische Weinbirne 2024 dazu. Wie schon die Palmisch vor ein paar Wochen ist auch das edukatorisches Zukunftstrinken, denn diese Sorte steht auf der To-Do-Liste des diesjährigen Bäumepflanzens. Grund dafür ist die (sehr große) Fruchtgröße, die das Ernten irgendwann einmal deutlich erleichtern wird, und die Tatsache, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen Mostbirnen auch gut einfach so gegessen werden kann. Gerade einmal 61 Flaschen dieses Perry existieren.

Im Glas ist die Weinbirne eine ziemlich trübe Brühe. Unfiltriert, sehr hell in der Farbe. Der Perry geizt ein bisschen in der Nase, ist zurückhaltend und im Gegensatz zur Farbe sehr klar in der Frucht, sehr birnig. So ein bisschen wie eingelegte Birnen aus dem Glas, hell, ein bisschen kernig dahinter. Und so schmeckt er auch, fokussiert, klar, mit viel Zug und nur wenig Tannin. Ein bisschen Kerngehäuse vielleicht am Zungenende, das dann aber von Säure und Frucht hinfortgespült wird. Es zieht an den Backen und an der Zungenspitze, zieht einem die Spucke in Richtung Mundraum und wenn man das so im Mund hat, dann riecht er auch deutlich fruchtiger und kerniger.

Wir essen übrig gebliebenen Räucherfisch, Forelle, Lachsforelle, Saibling, aus dem Nachbardorf mit ein paar Scheiben Olivenbrot. Mein Stück, natürlich, mit Stein. Klassiker. Essen als Grenzerfahrung zwischen Ersticken an den Gräten und Zahnabbruch am Olivenstein. Aber der Perry, der passt perfekt und nimmt es mit Fett, Rauch und Aroma ganz problemlos auf.

Schon ganz ohne zu Trinken fällt auf wie viel dunkler der Helden im Glas ist. Und nicht nur in der Farbe, auch wenn man daran riecht. Da ist ein bisschen angelaufene Birne, Waldhonig, ein paar rote Beeren, getrocknete Apfelringe mit Schale und auch etwas kräuterig-vegetabiles Heu. Die Säure findet irgendwo zwischen Laktik und Fruchtsaft statt und zieht einem noch viel mehr die Spucke aus den Backen als es schon die Weinbirne getan hat. Das Tannin ist viel kerniger, und auch einfach mehr, strukturierter. Die Frucht und Säure bleiben länger liegen, sind mächtiger, intensiver. Die Länge ist beeindruckend, die aromatische Tiefe auch. Das kräuterig Vegetabile, die getrockneten Fruchtscheiben und die rote Note, die schmeckt man auch. Wäre es Wein, ich würde Strukturwein dazu sagen, denn man fängt unweigerlich an auf dem Perry herumzukauen. Das ist im direkten Vergleich vielleicht sogar ein bisschen anstrengend, sicher intellektueller, herausfordernder im Vergleich zur Weinbirne. Man wird belohnt, wenn man die Herausforderung annimmt. Und dann hängt es ein bisschen am Anlass, zu welcher Flasche man greift. Will ich den Abend über beschäftigt werden, dann trinke ich Helden, will ich den Weinabend nach Mitternacht schon reparieren, bei 35 Grad in der Sonne Blubber trinken oder das Vesper begleiten, dann vielleicht eher die Weinbirne. Oder einfach beide. Weil was soll der Geiz.

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