22.3.2026

Ziereisen - Jaspis Hermann 2021

Wir trinken aus der Jaspis Kollektion von Ziereisen eine Flasche Hermann Spätburgunder aus 2021.

Auf einem Holztisch steht eine Flasche Jaspis Hermann Spätburgunder von Ziereisen. Im Hintergrund sind ein Weinglas und ein Bücherstapel zu sehen, vor der Flasche liegen Korken und Kellnermesser.

Die Höhe der Regalbretter in die man bei Weingütern greifen mag, ist eine Frage, mit der man sich, wenn man sich etwas mehr mit Wein beschäftigt, sehr schnell konfrontiert sieht. Die erste magische Grenze, die man überspringt sind vermutlich 10 Euro. Zweistellig. Für eine Flasche Wein. Die nächste große Grenze war und ist für mich immer noch 50 Euro. Auch wenn inzwischen gefühlt fast jedes Feld, Wald und Wiesen-GG diese Schwelle locker mit dem Arsch einreißt. Da ist man dann sowieso schon in einem Bereich, in dem einen alle anderen Menschen mit großen Augen anschauen und in die Verrückt-Schublade stopfen. Es wird weitere Grenzen geben, dreistellig, vierstellig, völlig-bekloppt-stellig, ich weiß es tatsächlich nicht, denn der 50er funktioniert als Grenzstein weiterhin sehr gut. Auch wenn wir ein bisschen öfter dran vorbei gehen als früher. Manche Weingüter oder Stile fangen da ja gerade mal an, Champagner zum Beispiel, Burgund, Barolo und Co. Manche Weingüter fangen vorne an, erstrecken sich aber über mehrere Grenzen hinweg und wenn der Anfang des Weges viel Freude macht, dann ist die Frage, wie weit man den denn gehen möchte eine viel Drängendere, als wenn der Weg sowieso erst ganz da hinten los geht.

Ziereisen ganz im Süden von Baden ist so ein Weingut. Und wir sind ein ziemliches Stück des Weges schon gegangen. Schmätterling Rosé aus Regent und Pinot, Heugumber Gutedel, Steingrüble und Viviser, Lügle und Talrain, Hard, Gestad und Schulen, wir sind ordentlich rumgekommen in Ziereisen-Land. Nur Jaspis, Jaspis fehlt noch. Und deshalb machen wir heute Jaspis. Nicht 10hoch4, der darf weit weg am Horizont stehen, aber Hermann. Hermann ist eine Selektion aus dem Talrain, aber Lagen dürfen auch nicht mal mehr als Anspielung auf den Flaschen stehen. Das Steingrüble, äh Steinkrügle, äh Gutedel ST kann davon ein Lied singen. Hermann also, den es erst seit 2021 gibt, wir trinken die Premiere. Die Reben für den Wein wachsen auf etwa 500 Metern über dem Meer auf Kalk mit eisenhaltigem Lehm. Ausgebaut wird dann über zwei Jahre in gebrauchtem Holz, bevor es, wie alle Weine von Ziereisen, als Landwein auf die Flasche geht. Wir planen drei Abende ein, da der Wein noch ziemlich frisch auf der Flasche ist. Aber die Neugier siegt mal wieder.

Da ist von Anfang an richtig viel los, nicht laut, nicht ins Gesicht, aber viel. Da ist Würze, etwas Ätherisches, Wacholder, ein bisschen künstliche Kirsche und echte Kirsche ist da auch. Sehr klar in den Aromen und jedes mal, wenn man die Nase ins Glas hält, kommt ein neuer Eindruck zurück. Saftig, frisch und dann kommt der Gerbstoff. Der wirkt tatsächlich noch etwas unfertig. Nicht kratzig, aber pelzig auf eine im Moment nicht besonders charmante Art. Geschmacklich ist der Pinot exakt so dicht beim Trinken in der Aromatik, wie er schon beim Riechen war mit toller Frucht zwischen dem Pelz. Ich bin gespannt, was die drei Abende bringen und freue mich drauf.

Richtig viel hat sich nicht getan, aber wir haben auch nicht wirklich viel aus der Flasche entfernt gehabt. Der für den Abend bestimmte Teil darf sich im Erlenmayerkolben jetzt mit Sauerstoff auseinandersetzen in der Hoffnung, dass das die Dinge beschleunigt. Die Säure wirkt wilder heute, man meint das schon zu riechen und schmeckt es auch. Es wirkt eigentlich jünger als es das am ersten Abend getan hat, unfertiger, ungestümer. Das erste Probierglas, das vor dem Verkolben, braucht ziemlich viel Schwenkerei um sich wieder zu sortieren. Dann wird es aber immer besser und besser. Das Tannin weicher, die Länge länger und Säure und Kernigkeit zusammen sind eine geniale Mischung. Da ist Zug dahinter, Kraft, ohne dabei jetzt laut zu werden. Man muss hinhören, wird dann aber komplett eingesogen. Da ist so viel Tiefe. Je kleiner der Schluck, desto fruchtiger ist die Frucht, desto mehr Fruchtsaft ist die Säure. Der Erlenmayerkolben übrigens, der hat quasi keinen Einfluss. Luft will hineingeschwenkt werden. Denn dann entwickelt sich jedes Glas so, wie das der Probierschluck schon tat.

Geduld ist etwas wunderbares und so schafft es etwas mehr als ein Drittel der Flasche in den letzten Abend. Und auch nochmal in den Kolben. Es rückt noch mehr zusammen, was zusammen gehört. Frucht und Kräuter und Holz verschmelzen. Die Säure wird wieder zahmer, die Gerbstoffkanten runder. Das Tannin ist feinkörnig, hat aber Grip. Das ist mega gut so, aber es ist auch schwer von der Hand zu weisen, dass wir vermutlich mindestens drei Jahre zu früh dran sind und die Geduld im Kleinen hier wohl von der Geduld im Großen um Längen geschlagen worden wäre. Falls ihr auch eine Flasche habt, dann vergesst das am besten für eine Weile. Das könnte nämlich noch viel großartiger werden.

Ähnliche Beiträge

comments powered by Disqus