Zwei Flaschen Bründlmayer
Wir trinken von Bründlmayer aus dem Kamptal eine Flasche Sekt Reserve Brut und einen Grünen Veltliner aus dem Ried Berg Vogelsang 2023.

Ob Schaumwein an einem Wahlsonntag so passend ist, das kann jeder für sich selbst entscheiden. Ich bin ja ganz grundsätzlich der Meinung, dass Schaumwein eigentlich immer und überall passt. Und Blubber aus Österreich hätte vermutlich sowieso eine ganz eigene Reihe verdient. Ist notiert für die Zukunft, aber irgendwo muss man ja mal anfangen. Wir fangen damit heute im Kamptal an. Das Kamptal liegt geographisch donauabwärts der Wachau direkt hinter dem Weinbaugebiet Kremstal in der Weinbauregion Weinland nordwestlich von Wien. Wie der Name schon vermuten lässt, fließt der Fluß Kamp durchs Kamptal, wie auch die Krems durchs Kremstal, nicht aber die Wach durch die Wachau. Das wäre zu einfach. Auf den dreieinhalbtausend Hektar Rebfläche stehen hier mit ganz großem Abstand weiße Trauben und da vor allem, ebenfalls mit großem Abstand, grüner Veltliner. In Langenlois an der Kamp liegt das Weingut Bründlmayer. Bründlmayer ist lustigerweise der Name, der mir bei österreichischem Schaumwein als erster in den Kopf schießt und das obwohl ich vor dieser Flasche exakt null Sekte aus diesem Weingut probiert hatte. Fairerweise Bründlmayer und “die mit den lustig gequetscht aussehenden Flaschen, auf deren Namen ich gerade nicht komme”, was dann Harkamp wäre. Aber genug Einblick in meine Anfälligkeitsmuster für Marketing. Wie gesagt, ein Deep Dive österreichischer Blubber steht irgendwann an.
Die Brut Reserve, so wie ich das sehe der Einstieg ins Schaumweinsortiment, ist eine Cuvée aus Spätburgunder, Chardonnay, Grauburgunder, Weißburgunder und grünem Veltliner. Da wurde einmal quer durchs Rebsortenportfolio eingepackt. Ebenso eingepackt wurden Reserveweine bis zurück in den Jahrgang 2014, die knapp unter der Hälfte der Cuvée ausmachen. Drei Jahre liegt das dann auf der Flasche bevor es in den Verkauf geht. Das erklärt dann auch, warum man auch beim Einstieg schon um die 30 Euro auf den Tisch legen muss. Die Trauben für den grünen Veltliner wachsen in der Ried Berg Vogelsang, Kamptal, aber auf der Landkarte tatsächlich irgendwo zwischen Krems und Kamp mit Blick gen Südwesten. Die Reben stehen hier auf Glimmerschiefer im Hang, werden in Stahl und großem Holz ausgebaut und dann auf die Flasche gezogen.
Der Sekt riecht nach Brioche, nach gelber, eher dezenter, aber durchaus reifer Frucht, ein bisschen steinig und ein bisschen nach buttrigem Gebäck. Das wirkt vom ersten Schluck an sehr trocken, aber gleichzeitig viel fruchtbetonter als beim Riechen. Zumindest in der Art, wie die Säure sich anfühlt, nicht so sehr die tatsächlich auszumachende Frucht. Aber das hat einfach diese Fruchtsaftsäure, die einen sofort an Obst denken lässt. Das ist dicht, intensiv beim Trinken und lang. Ich zumindest würde keine Sekunde daran denken hier keine traditionelle Rebsortenmischung im Glas zu haben und auf den grünen Veltliner zu kommen ist vermutlich nahe bei unmöglich. Schaumwein ist sowieso mega schwer einzuschätzen finde ich. Selbst Rieslingsekt stecke ich manchmal in die nicht-Rieslingsektschublade und das ist, wenn man von Ausreisern wie Muskateller mal absieht, doch eigentlich relativ eindeutig. Da dann hier einen Anteil Grauburgunder oder Veltliner zu erkennen. Viel Erfolg. Ist auch egal, denn richtig, richtig gut ist das in jedem Fall.
Der Veltliner hat nichts außer Würze im ersten Moment. Da sind Kräuter, da ist etwas Pflanzliches, bei dem mir auf der Zunge liegt, was es ist, aber ich komme mal wieder nicht drauf. Die Mittrinkerin sagt dann Löwenzahn und ich finde, das trifft es sehr gut. Herb und irgendwie blumig. Dahinter etwas Frucht, ein paar Apfelringe, also die aus dem Süßwarenregal, nicht die aus der Natur, und eine Mischung aus Cremigkeit, Säure und einem Touch bitterer Würze weit hinten auf der Zunge. Ob das das Pfefferl ist, ich denke nicht. Und mit dem Veltliner im Mund greife ich auch nochmal zum Schaumweinglas und nein, ich würde ihn immer noch nicht herausriechen. Das ist kein aufdringlicher Wein und wir sind mal wieder relativ früh dran mit dem Korkenziehen. Vielleicht mag er deshalb noch nicht so ganz aus sich herauskommen.
Es tut sich aber praktisch nichts über Nacht. Das ist ja in Punkto Reifefähigkeit oft ein gutes Zeichen. Wenn ich mir durchlese, was ich notiert habe, ich könnte alles nochmal so aufschreiben heute. 2023 ist einfach auch noch sehr frisch und darf dann auch Anlauf brauchen. Es ist jedenfalls immer noch Strukturwein, denn Frucht ist Mangelware. Er wirkt eine Spur kräuteriger, der Löwenzahn ist weg. Etwas Kernobst dahinter dafür. Geschmackstechnisch bin ich heute auf mich alleine gestellt, denn obwohl die Mittrinkerin (selbstverständlich) mittrinkt, kränkelt sie leicht und meine eigene Erfahrung mit Erkältungs-Eukalyptus-Gelkapsen ist, dass ab ungefähr 20 Minuten nach Einnahme, die folgenden Stunden zu einer besonderen Erfahrung werden. Jeder Aufstoßer ein Erklältungsbad. Das senkt mein Vertrauen in die mir entgegen fliegenden Geschmackseindrücke gewaltig. Mit viel Schlürfen wird der Veltliner sehr apfelig jetzt und tatsächlich wirkt er nicht mehr ganz so in sich gekehrt. Insgesamt liest sich das jetzt auch viel kritischer als ich eigentlich bin, ich mag das nämlich wirklich gerne, er braucht einfach noch ein bisschen Zeit.