Domaine des Cavarodes - Les Lumachelles 2021
Wir trinken aus dem Jura einen Trousseau Les Lumachelles von der Domaine des Cavarodes aus dem Jahr 2021.

Eine Zeit lang habe ich fast alles gekauft, was mir aus dem Jura so unter die Finger gekommen ist. Und je schneller man klicken musste, desto besser. Mit ein paar Ausnahmen zumindest, weil die größeren Ganevat, Miroirs oder Overnoy schlicht außerhalb oder sogar weit außerhalb dessen liegen, was ich bereit wäre für so einen Klick auszugeben. Aber das lässt trotzdem noch eine Menge Weingüter auf der Liste. Eines dieser Weingüter war auch die Domaine des Cavarodes mit ihren halb-gelben Etiketten. Die Domaine wurde 2007 von Etienne Thiebaud in Cramans, nördlich von Arbois, gegründet. Die Eckdaten sind die selben, wie so oft im Jura. Minimalinvasives Arbeiten, ökologische Bewirtschaftung im Weinberg, kaum Eingriff im Keller, kein Schönen, kein Filtern, wenn Schwefel, dann so wenig wie möglich. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht so genau, ob es die Domaine überhaupt noch gibt. Die Homepage existiert nicht mehr, der aktuellste Jahrgang, den man so findet, ist 2023 und auch sonst sind die Infos spärlich. Andererseits ist das im Jura jetzt auch nichts Außergewöhnliches.
Ebenfalls nicht außergewöhnlich sind autochthone Sorten im Jura. Genaugenommen sind das dann fast immer Ploussard oder eben Trousseau. Sicher, bekannt ist das Jura für, auch gerne mal oxidativ ausgebauten, Savagnin oder Chardonnay, die auch viel schneller ausverkauft sind, als ihre roten Gegenüber. Dabei ist es schade, dass Ploussard und Trousseau so unter dem Radar fliegen. Gerade hier im Ländle mit unserem eigenen, leichten und gleichzeitig schwer unterschätztem Trollinger, sollte Ploussard eigentlich auf tiefes Verständnis treffen. Und Trousseau, Trousseau kann wirklich großartig sein. Auch und gerade mit ein paar Jahren auf dem Buckel. Leider gehört auch zur Wahrheit, dass Genie und Wahnsinn, oder vielmehr Größe und völliges Auseinanderfallen nur selten so eng beisammen liegen, wie bei rotem Natural-Jura. Die Flasche heute kommt aus der Lage Les Lumachelles in der Appelation Côtes-du-Jura.
Der Wein fühlt sich nach dem Öffnen an, als hätte er noch richtig viel Gärkohlensäure. Hat er aber nicht, denn perlen tut da nach den Jahren in der Flasche natürlich überhaupt nichts mehr. Aber irgendwie macht die Säure trotzdem das, was auch Kohlensäure auf der Zunge macht. Das hat so ein Zing, nicht das Zing von flüchtiger Säure, sondern eher das Zing, das man beim Schorleschlürfen hat. Kohlensäure eben. Nur ganz ohne Blubber. Faszinierend. Schon deshalb ertappt man sich ständig beim Trinken. Ich kann mich tatsächlich nicht erinnern, dass sich ein Rotwein mal so angefühlt hat. Das ist wild und sauber gleichzeitig, hat rote Frucht, etwas Holz, ein bisschen Gerbstoff und ein paar struppige Kräuter. Und auch, dass da nur 11 Umdrehungen in der Flasche stecken hilft, die großen Schlucke angenehm leicht wirken zu lassen.
Ein kleines bisschen davon überlebt für den zweiten Abend. Ich frage mich, was das ist. Vielleicht die Säure, den spätestens jetzt wäre ja auch bei Nachgärung und Co der letzte Rest Gärkohlensäure futsch. Nicht, dass ich glauben würde, dass da was nachgegoren ist oder so. Da ist weiter die rote Frucht, etwas Tee und viele Kräuter. Das erinnert tatsächlich an Bionade mit sehr herbem Abgang, an Bioladen-Cola, ohne Süße. Limonade, die sich anstrengt, normal zu wirken, man aber halt doch weiß, dass die aus dem Bioladen kommt. Kein Hate, wir sind Bioladen-Ultras, aber es gibt sie, die Produkte, denen man die Herkunft anmerkt. Die versuchen normal zu schmecken, aber auch versuchen gesünder zu sein, als das normale Gegenüber. Ist auch egal. Ich mag die Frucht, ich mag die Säure, ich mag das Mundgefühl insgesamt. Und dann fängt es leider an. Erst nur beim Schlürfen, weit hinten auf der Zunge, wenn der Wein sich schon verabschiedet hat. Es fängt an auseinanderzufallen. Das trocknet hinten raus so unangenehm aus und zieht dabei alles andere mit in den Strudel. Roter Natural. Genie und Wahnsinn. Im Zweifel sind das einfach Weine für den ersten Abend, für große Schlucke, weil da hat es richtig viel Freude gemacht. Jetzt ist es immer noch ein spannender Wein, der aber dafür, wie schnell das oft ausverkauft war, vielleicht doch nicht ganz da ist, wo es sein könnte. Sein sollte vielleicht. Wir hatten vor ein paar Wochen Trousseau von Les Marnes Blanches, deutlich leichter zu kaufen, zumindest als ich die Flasche gekauft hatte, und das hat sowas von gepfiffen. Auch am zweiten Abend. Und da ist dann einfach das Bessere der Feind des Guten. Klar, könnte auch einfach Flaschenvarianz sein, aber das Teufelchen auf der Schulter, das interessiert das gerade nicht. Genie und Wahnsinn eben.