Zwei Flaschen La Grange de l'Oncle Charles
Wir trinken zu Ostern aus dem Elsass zwei Weine von La Grange de l'Oncle Charles: Mille Lieux Blanc aus 2024 und La Danse des Corbeaux aus 2023.

Einen Osterhasen können wir leider auf keiner Flasche bieten, die momentan in unserem Besitz ist. Dafür sind wir mit dem Schaf ja thematisch trotzdem gut aufgestellt und den Pferdearsch auf der Flasche daneben, den nehmen wir einfach so hin. Gekauft haben wir den Wein natürlich nicht für Ostern. Er ist viel mehr im Feed vom lieben Andreas an mir vorbei gezogen und nach kurzem Check gegenüber am Tisch, ob des Tierlabels, in die “müssen wir haben” Schublade der Mittrinkerin einsortiert worden. So ein gigantischer Güllehaufen Social Media inzwischen auch ist, für solche Entdeckungen, ist es das Waten durch die Gülle leider wert.
Jérôme François und Morgane Stoquert gründeten 2014 das Weingut La Grange de l’Oncle Charles in Ostheim im Elsass, wie sollte es bei dem Namen auch anders sein, in der Scheune des Onkels. Los ging es mit Flächen des Großvaters, die inzwischen auf um die sieben Hektar angewachsen sind. Die wichtigsten Mitarbeiter im Weingut sieht man auf den Etiketten. Zwei Pferde helfen bei der Bodenbearbeitung, eine Herde Ouessant Schafe kümmert sich ums Unkraut und ums Mulchen. Viele der Flächen, die die Helfer unter die Beinchen bekommen, sind als gemischte Sätze angelegt, was im Elsass eher Raritätscharakter hat. Die Weine werden allesamt im kleinen Holz vergoren und ausgebaut und ohne Schwefel oder Filtern gefüllt. Wir trinken den Einstieg ins Sortiment, Mille Lieux, der mit dem Schaf, aus dem Jahr 2024. 13 Rebsorten, das sind alle Rebsorten, die im Weingut angebaut werden, enthält der Wein von verschiedenen Terroirs. Gar nicht so einfach, die komplette Liste zu finden. Im Elsass sind, zumindest laut Wiki, nämlich nur sieben Rebsorten zugelassen: Riesling, Gewürztraminer, Sylvaner, Pinot Blanc und Gris, Muscat d’Alsace und Pinot Noir. Außerdem werden da noch Chasselas, also Gutedel, Chardonnay und Savagnin Rose aufgelistet. Wer mitgezählt hat, ist damit bei 10. Auxerrois findet man noch beim Suchen im Web und dann wars das auch. Nach einem Jahr Ausbau landet der Wein mit elfeinhalb Umdrehungen in der Flasche. Der La Danse des Corbeaux ist der Ortswein aus Riquewihr, der einem das mit den Rebsorten deutlich einfacher macht, die stehen nämlich vorne drauf. Riesling, Chasselas, Sylvaner und Gewürztraminer sind hier zusammen im Weinberg und in der Flasche.
Wir starten mit dem Schaf. Das hat viel Spannung, eine Frucht irgendwo zwischen cremig gelb und knackig grünem Apfel, die bei jedem mal Riechen ein bisschen wieder in die andere Richtung zieht. Da ist etwas Kräuteriges, etwas Zitrisches, etwas Mürbes und ein Klecks Klebstoff. Beim Trinken ist Zug angesagt, straff, geradeaus, saftig auf der Zungenmitte und mit Struktur am Rand. Mit dem Wein im Mund wird die Nase karger, geradliniger und bekommt ebenso mehr Zug. Das Cremige verschwindet komplett und wird von Würze und grünem Apfel abgelöst. Das ist wundervoll zu trinken und auf eine ganz saubere Art wild.
Der nächste Tag ist mehr Natural. Allerdings nie ins Gesicht. Es bleibt dezent, leise, nicht aufdringlich. Da sind jetzt angelaufene Apfelschalen, der Apfel insgesamt ist noch da, aber nicht mehr grün. Der Wein wirkt viel weicher beim Trinken, die Struktur, die am ersten Abend nur an den Rändern der Zunge stattgefunden hat, die ist jetzt am ganzen Gaumen. Das ist lang, hat inzwischen fast etwas Süßes in der Nase, das Gegenüber am Tisch als weiße Gummibärchen einsortiert wird. Bei mir nicht, aber ich kann mir gut vorstellen, dass wir hier den selben Eindruck einfach in verschiedene Schubladen stecken. Wo wir uns nichts geben, ist die Geschwindigkeit, in der die Gläser wieder aufgefüllt werden müssen. Das macht echt viel Freude.
Der mit dem Pferdepopo ist deutlich wilder, mehr Klebstoff, gepufftes Getreide, hat was von reduktivem Chardonnay für ein paar Minuten. Da ist kaum Frucht, etwas Zitrus vielleicht, ein paar Trauben, viel kühle Frische. Die Säure dafür ist extrem fruchtig, da ist eine ganze Packung saurer Apfelringe auf der Zunge. Das hat so richtig Zing beim Trinken. Was es nicht hat, ist Aromarebsortenflair und für mich ist das was Gutes. Langsam kommt Buttergebäck dazu, das ich nach den ersten Momenten da nicht vermutet hätte. Ich hatte kurz Respekt, ob der Portion Klebstoff und Unangepasstheit, die einem da aus dem Glas entgegen kommt im ersten Moment, aber entweder habe ich mich in den Klebstoff rein oder durch ihn hindurch getrunken. Oder er ist einfach verschwunden. Denn jetzt ist da nur noch die Mischung aus fruchtigem Zug beim Trinken und getreidig, zitrisch, kühler Nase.
Der nächste Tag startet mit Sherry beim Riechen. Weniger Klebstoff, aber nicht kein Klebstoff, das gepuffte Getreide wirkt viel nussiger als am ersten Abend und zahlt damit sicher auch in die Sherry-Idee ein. Sherry auch gar nicht im Sinne von Weißwein, den man aufmacht und der offensichtlich zu viel Sauerstoff durch seinen Kork gelassen hat, sondern Sherry im Sinne von echt gutem Sherry. Es trinkt sich übrigens unverändert. Die Säure macht fruchtig Zing, ist sehr apfelig, heute aber mit mehr Kerngehäuse und Schale. Dass da Riesling und Gewürztraminer im Wein sind, ich würde es nicht erraten. Silvaner und Chasselas dagegen, das passt sehr gut zu dem, was man da schmeckt. Das ist genau so spannend wie am ersten Abend. Ein bisschen intellektueller sicher als der mit dem Schaf, weniger Easy-Drinking, aber nicht weniger gut.