4.6.2026

Mythos Mosel 2026 - Tag 2

Wir waren nach zwei Jahren Pause mal wieder an der Mosel unterwegs. Der Reisebericht zu Mythos Mosel 2026 - Tag 2.

Die Wehlener Sonnenuhr mit Weinbergen

Der Plan für den zweiten Tag ist simpel: Wir klappern einmal die Buslinie ab, die für uns in Zeltingen anfängt und in Zeltingen auch wieder aufhört. Das bedeutet konkret Graach, Schloss Lieser, Wehlen und Zeltingen als Abschluss. Wie passend, dass der Tag in Graach mit einem Kabi-WarmUp sogar noch vor 11 Uhr startet. Wer sich jetzt fragt, was wir hier eigentlich überhaupt gerade machen, dem sei Tag 1 ans Herz gelegt. Theoretisch wäre auch die Anreise mit dem lokalen Verkehrsverbund im Ticket enthalten. Praktisch ist Graach zwar nur ein Kaff weiter, mit Öffis aber am Sonntagvormittag nur mit Umstieg und Wartezeit oder längerem Fußmarsch zur Haltestelle auf der anderne Moselseite zu erreichen. Wir fahren also Shuttle. Abfahrt wie gehabt um 10:12 Uhr und auch heute werden wir viel Glück mit dem Bus haben.

Ab 9:30 Uhr hätte man sich bei Blesius im Kabi-WarmUp schon durch die Mosel trinken können. Und nicht nur das. Es wurde offensichtlich zum großen Austausch geladen und hinten im Innenhof stehen zwei große Kühler mit Kabis aus Rheinhessen. Und man hat sich in Rheinhessen auch nicht lumpen lassen. Alles Lage. So kommen wir auch ohne Maxime Open in diesem Jahr zu einem kleinen Querschnitt. Ob der vielen Menschen, die den frühen Start ebenso wie wir nutzen, kommen Notizen allerdings etwas kurz. Nur so viel: Heiligenblut Blutberg Kabi ist großartig, Manz Hipping ebenfalls. Riffel Bingen Kirchberg sticht mit einer kräuterigen, kantigen Mineralik hervor. Engel Frauenberg durch die Orange in der Frucht. Und auch der Espenhof La Roche hat es uns mit seiner Zitrus-Nase und der stahlig, glatten Säure angetan. Am Moselkühler sind noch mehr Leute. Da war eine Flasche Auktionskabinett, der wirklich schön war. Leider habe ich weder Weingut noch Weinlage aufgeschrieben und als ich nochmal schauen wollte, war die Flasche weg.

Punkt 11 Uhr geht es dann richtig los. Praktischerweise ist der Tisch von Willi Schäfer direkt neben uns. Graacher Himmelreich Kabi 25 ist noch sehr jung, aber dahinter ist da alles, was es braucht um mal richtig gut zu werden. Domprobst Kabi 25 wirkt da schon deutlich weiter. Zug, tolle Frucht, viel Länge. Das würde ich jetzt schon verhaften. Warum auf der Flasche Domprobst steht, der Blick über die Dächer in den Weinberg hinter Graach aber Dompropst offenbart, man weiß es nicht. Die beiden Spätlesen, ebenfalls Himmelreich und Domprobst, sind wie die Kabis. Nur mehr. Mehr Zucker, mehr Dichte, mehr Tiefe. Himmelreich noch verwaschen, Domprobst schon richtig da. Und auch das Domprobst GG 2024 von Blesius ist in einem schönen Stadium. Viel Würze, kaum Frucht, viel Textur. Himmelreich Kabi 25 mit viel Zitrus und Saft. Bei Franzen war der Sommer wieder groß. Jahrgang 2025, ein Wein zum Kauen. Neefer Frauenberg GG 23 ist eine tolle Kombination aus Schmelz und Würze. 22 Fachkaul GG mit Reduktionsstinker, Cremigkeit und einem Touch Bitter. Das ist brutal stark.

Nächste Station: Kees-Kieren. Blesius-Jostock haben einen alkoholfreien Piwi Sekt Zero Sparkling dabei. Sehr duftig. Mit 43 Gramm Restzucker auf den Liter nicht unbedingt das, was wir sonst trinken, aber da ist genug Säure, Frische und Frucht um nicht nach dem ersten Schluck satt zu sein. Und auch beim Souvignier Gris Eiswein ist noch ein zweiter Schluck drin. Dann ist aber gut. Das ist einfach viel. Aber lecker ist es schon. Bei Lotz probieren wir mit dem Schieferstein 25 einen der stärksten Basisrieslinge an diesem Wochenende. Da ist so viel Struktur drin. Genau wie im Erdener Treppchen 25 Feinherb. Tolle Weine.

Am anderen Ende von Graach beim DRK-Sozialwerk im St. Nikolaus Hospital warten die Station im kühlen Weinkeller auf den Besuch. Ein Traum heute. Der Erdener Riesling 25 vom Mönchhof ist voller Struktur, Länge und Dichte. Die Prälat Auslese 21, mit ihren 85 Gramm Restzucker angenehm leicht, also für eine Auslese eben, hat noch einen leichten Stinker und eine glockenklare, wunderschöne Frucht mit viel Zug. Da schenkt man auch ein zweites Glas ein. Der Mehringer Riesling 24 von Lenhardt ist Strukturwein. Kaum Frucht, aber wirklich intensiv. Blattenberg 24, wächst auf Schiefer mit Quarzitanteil, hat noch mehr Struktur und noch mehr Dichte. Das ist richtig stark. Und auch Spätlese und Auslese überzeugen. Genauso wie Chili Con Carne und Räucherfischbrötchen, die wir zeitlich so gut getimed verdrücken, dass wir nur einen kurzen Sprint zum Bus später in Richtung Lieser weiterfahren. Punktlandung.

Der Plan geht auf und es ist deutlich entspannter bei Schloss Lieser als das, was wir im Vorbeigehen am Samstag gesehen haben. Wer zwei Tage hat: Macht das Zeug mit den größeren Namen Sonntags. Wirklich. Bei Clemens Busch wirkt der Grauschiefer noch unrund, der Pünderich vom blauen Schiefer 24 dafür umso schöner. Pünderich Nonnengarten 23 mit dunklem Stein und viel Struktur sehr stark. Marienburg Kabi 25 mit viel Stinker, dann aber Tiefe und Struktur. Carl Löwen Maximin Klosterlay 25 zieht einem die Zunge zusammen. Karg, intensiv und trotzdem irgendwie rund. Toll. Riesling 1896 aus Rebstöcken aus eben jenem Jahr ist ganz viel Riesling. Aber vielleicht lieber noch 3 Jahre warten mit dem Öffnen. Zilliken Rausch Kabi 25 ist einer meiner liebsten Kabis und beweist hier wieder warum. Tolle Frucht, viel Zug. Die gereifte Rausch Spätlese 11 zeigt dann wiederum, warum Geduld eine Tugend ist. Bisschen Petrol, viel Stein, Kernobst, weich, cremig, wunderschön. Danach hat es erwartungsgemäß alles verbleibende hier schwer. Aber die 23 Wehlener Sonnenuhr Spätlese von Schloss Lieser setzt saftig, lang und intensiv doch nochmal ein Ausrufezeichen.

Heute stehen wir direkt an der richtigen Haltestelle. Oder vielmehr rennen zur richtigen Haltestelle. Ohne die aufmerksamen Augen der Mittrinkerin wäre daraus ein Warten geworden, so ist es eine weitere Buspunktlandung. Ein paar Minuten und kleine, verschlungene Pfade durch Wehlen später stehen wir bei S.A. Prüm im Hof. Hier könnte man mehr Zeit damit verbringen, den Schwalben unterm Dach beim Füttern zuzuschauen als mit Wein probieren. Aber wir sind nicht zum Spaß hier. Nach all dem Riesling bin ich jedes Jahr dankbar, dass Stephan Steinmetz den Weg von der Obermosel hierher findet. Der Crémant Blanc ganz ohne Zucker und Crémant Rosé mit 2 Gramm haben entsprechend viel Zug. Kauft einfach beide. Der Unkultiviert, der hier im Blog noch Stillwein war, ist jetzt ein Petnat. Steht ihm aber gut und auch der Elbling macht Freude. Der Monteneubel 1425 Riesling Brut Nature von Immich-Anker hat noch mehr Zug als die beiden Crémants, mit viel Gebäck und straffer, klarer Säure und Frucht. Christoph Eifel hat quer durch die Kollektion wieder eine leicht kräuterige Nase, die ich vor 3 Jahren mochte und auch bei der Nachlese. Mag ich immer noch.

Es geht auf den Endspurt zu: Station Kerpen. Röttgerding liefert einen weiteren erwähnenswerten Basisriesling mit viel Würze aus 23. Und mit dem 23 Spätburgunder den bis hierhin einzigen Rotwein in einer Liste, wenn mich nicht alles täuscht. Unterholz, Frucht, Würze. Ein Weingut, das ich gar nicht auf dem Schirm hatte, jetzt aber habe. Die Sonderverkostung mit einer 2001er Spätlese von Kerpen selbst und einer 2002er Spätlese von Vollenweider steuert dann ganz unerwartet die beiden vielleicht besten Weine dieses Wochenendes bei. Danach kann man eigentlich heim fahren. Wunderschön. Machen wir aber natürlich nicht. Steven Schmidt Wolfer Sonnenlay Kabi 22 fast ätherisch, steinig, intensiv. Und auch die restliche Kerpen Kollektion lohnt sich, nicht zuletzt für die Auslese 2017, die zwar nicht ganz an 2001 herankommt, aber auch nicht weit davon entfernt bleibt. Vollenweider Goldgrube im Reiler 24, karg, dicht, steinig, sehr jung, und Trabener Schimbock Monopol 24, noch dichter, intensiver, packend, sorgen dann dafür, dass Kerpen auf dem inneren Stationsranking aufs Treppchen ganz oben steigen darf.

Einmal fahren wir noch Bus. Und noch einmal warten wir keine 5 Minuten. Sollte ich in den nächsten Jahren mal meckern, dann verlinkt mir doch das hier. Dann bin ich ruhig. Das waren keine 35 Minuten Wartezeit am ganzen Wochenende. Weniger kann man nun wirklich nicht erwarten. Und auch die rollenden Sardinenbüchsen haben wir irgendwie umschifft bekommen. Perfekt. Der Magen der Liebsten knurrt am Ende der Busfahrt und so wird Ackermann, beziehungsweise der Spundekäs bei Ackermann vorgezogen. Pinot von Knodt-Trossen gabs schon gestern in Form der Reserve bei der Rotweinsonderverkostung bei Pauly. Da kommt der kleinere Kirchlay 22 mit deutlich Holz, Cassis und kühler Frucht leider nicht ganz ran, aber das macht ja nichts. Der Steffensberg Riesling 24 aus dem kleinen Holzfass ist der einzige Riesling mit deutlich Holzeinfluss und ich finde, das steht ihm sehr gut. Ackermann Deutschherrenberg 25 Kabi hat ein paar grüne Noten, Kräuter und Zug. Das macht wieder frisch so spät am Sonntag.

Das ist dann auch der Zeitpunkt, an dem man sich fragt, ob man erst in 2 oder lieber in 3 Monaten wieder eine Flasche Riesling aufziehen möchte. Umso besser, dass man, sofern man es unfallfrei am Brunnen im Keller von Gessinger vorbei schafft, bei Rinke gar keinen Riesling trinken muss, wenn man nicht will. Der Blanc de Blancs Brut Nature mit seinen 50 Monaten Hefelager jedenfalls macht mir mit etwas Klebstoff, toller Struktur und cremigem Mundgefühl richtig Spaß. Der Sauvignon Blanc Fumé 23 ist Orange für nicht-Orangetrinker, die Struktur in ihrem Sauvignon schätzen. Überhaupt haben alle Rinke-Weine ein geniales Mundgefühl. Stairs’n’Roses hat Piwi im Gepäck. Der Unforgiven I ist Souvignier Gris. Wenn Souvignier Gris gut gemacht ist, dann kann das eine ganz tolle Struktur haben und der hier, der ist gut gemacht. Gibt es auch als Unforgiven II aus dem selben Lesegut als Orange. Das ist dann für Fortgeschrittene. Der alkoholfreie Sekt von vorher, eine Co-Produktion mehrerer Weingüter, steht auch hier mit auf dem Tisch. Und das Ohrenschwein, ein Orange mit Prüfnummer, der zwar nicht in der Liste auftaucht, aber allein des Namens wegen die Erwähnung verdient. Bei Gessinger selber probiere ich nur noch Spätburgunder. Da hat es mir vor allem der Privée angetan, der in 5.-belegten Fudern gerade so noch Holzeinfluss abbekommen hat.

Wir besuchen auf dem Weg zum Hotel auch noch den Heinrichshof, im Garten von Leo’s waren wir am Abend zuvor zum Absacker. Aber mitschreiben, das war wirklich nicht mehr drin. Nicht weil zu viel Alkohol, aber zu viel Stehen, zu warm, zu viel Riesling, mehr Menschen als ich sonst so an zwei Tagen gewohnt bin, irgendwann ist Zeit fürs Fazit. Denn ein Fazit bin ich noch schuldig. Zu 25 kann ich gar nicht so viel sagen. Frisch waren sie, manchmal noch unsortiert. Aber oft war eben auch 24, 23 oder noch Älteres im Glas. Insgesamt: Mythos Mosel ist großartig. Vor der Steillage stehen, oder je nach Lust am Wandern auch mittendrin, das ist anders als Steillagen auf Bildern anzuschauen. Allein dafür lohnt es sich. Und natürlich für die Weine und die Menschen dahinter. Fast immer steht da der Winzer selber und gerade am Sonntag bleibt auch mehr Zeit als fürs bloße Ausstrecken des Glases. Schlecht getrunken haben wir nirgendwo. Weiterziehen war immer der begrenzten Zeit geschuldet und nie dem, dass der erste Probierschluck schon nichts war. Das war die letzten Jahre nicht immer so. Die Basis wird also stärker. Dafür waren vielleicht auch die Ausreiser nach oben weniger häufig. Aber Stationen wie Kerpen heute insgesamt oder Weingutsentdeckungen wie Karp-Schreiber gestern, die rechtfertigen die Anreise schon fast alleine. Und dann ist da ja auch noch die Mosel selber. Jeder Blick fast ein Spektakel, die Fußwege, gerne auch die längerne Fußwege von Mülheim nach Lieser oder von Mülheim nach Brauneberg, sind nie verschwendete Zeit. Der Weg bleibt hier das Ziel und das ist großartig. Naja, zumindest wenn man es schafft nicht vom dreifach nebeneinander fahrenden Rentnergeschwader mit E-Bike-Außenspiegeln abgeräumt zu werden. Aber auch das lernt man schnell. Wir kommen wieder.

Blumen mit Bienen vor Schloss Lieser

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