Olek Bondonio - Roncagliette 2021
Wir trinken aus dem Piemont von Olek Bondonio eine Flasche Roncagliette Barbaresco aus 2021.

Irgendwann ist einfach gut. Bei uns als gerade eher weniger Rieslingtrinker war das am letzten Wochenende schon Samstagabend teilweise so. Aber auch beim männlichen Part des älteren Pärchens, das im selben Hotel wie wir wohnte und der ein ziemlicher Rieslingfanatiker ist, kam der Punkt. Als wir uns Sonntagspätnachmittag in Zeltingen zum wiederholten Male über den Weg liefen meinte er nur, dass er sich jetzt in Unterhose ins Bett legt, Fußball schaut und dann daheim eine Flasche Rotwein aufzieht. Von Riesling hätte er erstmal genug. Fühle ich. Sehr sogar und deshalb trinken wir heute auch Rotwein. Es müsste inzwischen ungefähr zwei Jahre her sein, dass diese Flasche, naja eher dieser Wein, denn diese Flasche wird es nicht gewesen sein, mir praktisch zeitgleich auf so vielen verschiedenen, vertrauenswürdigen Kanälen über den Weg gelaufen ist und in höchsten Tönen besungen wurde, dass ich gar nicht anders konnte als zuzuschlagen. Das war entweder Zufall oder der Koordinator der Aktion hat sich diesen Kauf redlich verdient.
Olek Bondonio macht, nach einer Karriere auf dem Snowboard, im Piemont seit 2005 Wein auf inzwischen etwa sieben Hektar. Teil dieser sieben Hektar sind Flächen in den Lagen Roncagliette und Starderi. Große Namen bei Barbaresco. Habe ich zumindest gelesen, denn die selber getrunkene Anzahl an Flaschen Barbaresco hat sich seit der Flasche Sottimano hier im Blog um exakt null erhöht. Man muss kein Mathemagier sein um hier eins und eins zusammenzuzählen für die jetzt von mir getrunkene Flaschenanzahl dieser Weine. Deshalb lässt mich beim Lesen auch die ständige Erwähnung vom Sorì Tildìn von Gaja als direktem Nachbarn völlig kalt. Natürlich kenne ich den Namen, aber das ist so weit weg von dem, was wir sonst so trinken, da habe ich noch nicht einmal den Anflug von Hoffnung das mal im Glas zu haben. Die Reben jedenfalls stehen hier auf lehmigem Kalk. Olek arbeitet minimalinvasiv und biodynamisch. So lange kein Skateboard von der Halfpipe im Keller gegen ein Fass fliegt jedenfalls. Es wird in Beton langsam über Monate vergoren, in einer Korbpresse gepresst und ohne Schönung mit minimal Schwefel gefüllt. Und ja, ich weiß, dass 2021 kein Alter für diesen Wein ist.
Kurz droht sich das zu rächen. Der Wein ist in den ersten Momenten im Glas wie zugenagelt. Es kommt einem wirklich gar nichts entgegen. Schwenken hilft zum Glück. Es bleibt allerdings ein leiser Wein, zurückhaltend, ein bisschen Kirschplundergebäck, etwas Blumiges, zart, zerbrechlich. Ein paar Erdbeeren auf Biskuitt sind da noch. Kühl beim Trinken, genauso zart, wie schon beim Riechen. Leise, mit toller Säure. Bis man schlürft. Denn dann packt er zu. Und zwar richtig. Da geht dann erstmal gar nichts mehr auf der Zunge. Faszinierend, wie das so leise, tänzelnd, elegant sein kann und einem dann mit Sauerstoff die Zunge drei Minuten in Gerbstoff tunkt. Und wenn der Gerbstoff erstmal da ist, dann verschwindet der auch nicht mehr. Aber schön, das ist er auch mit Pelz auf der Zunge. Ein Wein für mindestens drei Abende.
Wir schenken noch ein Glas ein, aus Interesse, und lassen es stehen. Eine Stunde später ist ein anderer Wein im Glas. Wir rätseln, schauen uns an, kramen in den Schubladen im Kopf. Das ist duftig jetzt, aber wir kommen nicht drauf. Gehen durchs Teesortiment, durchs Süßigkeitenregal, durch den Obstkorb. Aber nichts will passen. Und trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass man genau weiß, was man da riecht. Orangenschalen vielleicht, sicher rote Beeren, was Ätherisches, Nachtisch, Blumen, Kräuter, alles und nichts davon. Dass ich für zwei, drei Momente Angst hatte, dass das nichts werden könnte, das fühlt sich inzwischen lächerlich weit weg an.
Tag zwei braucht keinen Anlauf. Es knüpft an, wo es aufgehört hat und es ist weiter wunderschön. Und voller Tannin. Da ist genug Säure um dagegen anzukommen, aber der Pelz bleibt. Da sind Trockenpflaumen, Eukalyptus, Kräuter, Holz. Meditationswein.
Und auch am dritten Abend kommt man aus dem Grinsen nicht heraus. Der Wein wird noch schöner. Er ist samtiger geworden. Nicht weniger pelzig, aber zarter im Pelz. Die Frucht wirkt süßer inzwischen und tatsächlich frischer als an den anderen beiden Abenden. Roter, saftiger. Das Florale hat er sich ebenfalls behalten. Ja, 2021 ist kein Alter für so einen Wein. Und ja, in fünf, zehn Jahren, da singt das vielleicht noch viel mehr. Aber ein Erlebnis ist dieser Barbaresco auch heute schon.