Zwei Chardonnay von Knewitz
Wir trinken zwei Flaschen Chardonnay vom Weingut Knewitz. Einmal als Sprudel Brut Nature aus 2018 und eine Chardonnay Réserve 2020.

Kochwein ist gemeinhin etabliert als Kategorie für Wein, den man zwar auch in den Koch, vor allem aber ins dann meist zu schmorende Essen gibt. Was aber passiert, wenn der Koch ob der Außentemperatur selber zum Schmorgericht mutiert? Wird dann jeder Wein zum Kochwein? Denkt da mal drüber nach, warm genug ist es ja. Die beiden Flaschen, ob Kochwein oder nicht, sind jedenfalls gut eingekühlt um der Hitze zumindest zeitweise die Stirn zu bieten. Es sind nicht die ersten beiden Flaschen Knewitz hier im Blog, aber seit dem letzten Mal hat sich so einiges getan. Am auffäligsten dürfte der Adler sein, der inzwischen auf dem Flaschenhals zu finden ist. Seit 2022 ist Knewitz Mitglied im VDP. Neue Etiketten gab es auch, die Flaschen heute tragen aber noch die alten Labels, die mir persönlich auch irgendwie besser gefallen als die Neuen. Geschmackssache. Die Homepage scheint gerade im Eimer zu sein. Zumindest bei mir ist sie das. Für Etikettenvergleichsbilder müssen demnach Shops oder Social Media herhalten.
Tobias und Björn Knewitz machen in 5. Generation Wein im Welzbachtal in Rheinhessen. Früher, also ganz früher, war hier Meer und das, was vom Meer und seinen Bewohnern übrig geblieben ist, sorgt für den Kalk im Boden auf dem heute die Reben wachsen. Obwohl Rheinhessen Rieslingland ist und Riesling auch im Hause Knewitz eine führende Rolle spielt, ist Knewitz, zumindest in meinem Kopf, für Chardonnay bekannt. Und Geheimtipp kann man diese Tatsache inzwischen auch nicht mehr nennen. Ich meine es gibt drei Chardonnay im Sortiment. Der Einstieg, der mal “aus dem Holzfass” hieß und, so wie es aussieht, inzwischen “Aus dem Tal” benannt ist. Darüber dann die Réserve und eben den Sekt den wir heute trinken. Eventuell gibt es auch noch einen Gutswein. Mangels Homepage und Weinliste kann ich das im Moment nicht verifizieren. Der Grundwein für den Sekt wird spontan vergoren, im 500-Liter-Fass ausgebaut und dann in Flaschengärung für zwei Jahre in den Keller gelegt, bevor ohne Dosage gefüllt wird. Brut Nature. Die Trauben für die Réserve wachsen im Steinacker. Der Ausbau erfolgt in diesem Fall im kleinen Holzfass mit etwa einem Drittel Neuholz.
Der Sekt wirkt kühl in der Nase, perfekt bei diesen Temperaturen, hat etwas Laktik, feine, gelbe Frucht, Steinobst und Brioche. Ich mag das sehr. Es startet mit ordentlich Zug auf der Zunge, dann kommt auch hier die Laktik durch und hinten raus wird es immer mehr Zitrusfrucht in der Säure. Das mit so viel Frische aus 2018 zu holen ist beeindruckend. Wobei Sektgrundweinlese ja sowieso nochmal ein ganz eigenes Kapitel ist. Es zieht an den Zungenrändern, hat tollen Blubber und wird immer saftiger beim Trinken. Das Steinobst wandelt sich mit jedem Schluck etwas mehr zu Kernobst im Geschmack und die Säure wird ebenso von Zitrone immer mehr zu grünem, knackigem Apfel. Klar, saftig und mit viel Struktur. Stark.
Heilige Reduktion ist der erste Gedanke, der mir bei der Réserve durch den Kopf schießt. Außer Flint gibt es erstmal nicht viel zu holen. Und wer das in seinem Chardonnay ganz grundsätzlich nicht mag, der sollte um diesen Wein einen großen Bogen machen. Denn so ganz wird das vielleicht nie weg reifen. Aber mit eifrigem Schwenken wird es nussiger im Glas, ein bisschen Popcorn, Buchweizen, etwas steinig Karges ist da und eine leicht kräuterige Frucht dahinter. Den Buchweizen schmeckt man auch, gefolgt von einer Saftigkeit, die der des Sektes in nichts nachsteht. Und auch hier wird jeder Schluck noch ein bisschen saftiger, zitrischer, limettiger, während gleichzeitig die Reduktion, zumindest auf der Zunge, in den Hintergrund gleitet. Die Länge hilft auch, da sie Zeit gibt um zwischen den Schlucken den Wein im Glas kreisen zu lassen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass der Jahrgang quasi aktuell ist, so jung wirkt der Wein auf mich.
Es wird weniger reduktiv über Nacht. Klar, da ist immer noch eine Packung voll Schießplättchen, aber da ist auch mehr Nuss, mehr Buchweizen und deutlich mehr Frucht. Auch die Struktur beim Trinken hat sich verändert, wirkt mürber jetzt, fruchtiger, apfeliger. Die Länge ist immer noch beeindruckend, die Säure zieht einem die Spucke aus den Backen und mehr Luft beim Schwenken wirkt inzwischen wie ein kleiner Katalysator, der die Entwicklung der Nacht in jedem Glas noch beschleunigt. Es taucht Exotik in der Frucht auf, Ananas, Mango und auch die Säure bewegt sich wieder mehr in diese Richtung. Das ist enorm gut und ganz, ganz am Anfang seiner Entwicklung. Aber nachdem das so jung wirkt, obwohl es doch schon ein paar Jahre in der Flasche hinter sich hat, traue ich mich nicht zu einer Prognose. Wer jetzt eine aufzieht, der wird in jedem Fall Spaß haben. Warten lohnt vermutlich aber auch.