Zwei Flaschen Kleines Gut
Wir trinken eine Flasche Chardonnay Kapelle 2022 und einen Spätburgunder 2023 von Kleines Gut aus Württemberg.

Der Sommer hat die Bude weiter fest im Griff. Man wird sich wohl daran gewöhnen müssen zwischen Wiesen, die mehr Wiese als Steppe sind und der täglichen Angst vor dem nächsten Extremwetterereignis irgendwie klarzukommen. Aber man kann schließlich nicht nur in der Katastrophe existieren. Und ein kleiner Lichtblick, zumindest in Sachen Wein, ist immer noch das, was gerade in Württemberg so passiert. Also hier und da, nicht flächendeckend. Aber das wäre vielleicht dann auch einfach zu viel verlangt. Ich muss außerdem unbedingt aufhören beim Suchen nach dem letzten Post über ein Weingut aufs Datum zu schauen. Das hilft beim Klarkommen nicht wirklich. Drei Jahre jedenfalls ist es her, dass wir drei Flaschen von Frederike und Daniel auf dem Tisch stehen hatten. Virtuell zumindest, denn abseits der Schreiberei tauchen die Weine durchaus häufiger auf. An der Tatsache, dass die Beiden in Uhlbach, im schönsten Weinbaugebiet der Republik, Wein machen, hat sich nichts geändert. Ah doch, ein kurzer Dank in Richtung Daniel muss doch noch rausgehen. Weil “schwäbischer Taj Mahal” als Bezeichnung für die Grabkapelle auf dem Württemberg macht zwar ganz viel Sinn, hat es aber vor dem Abend in Karlsruhe irgendwie nie bis zu mir geschafft. Jetzt ist das im Sprachgebrauch.
Zwei Weine trinken wir heute. Bei beiden Weinen, finde ich nur was zum Ausbau jeweils einen Jahrgang jünger. Daniel verändert hier und da und deshalb ist die Info in diesem Fall mit einer Prise Salz zu genießen. Der Spätburgunder wächst in vier Parzellen in Uhlbach auf Schilfsandstein und Mergel. Wird entrappt, spontan vergoren, drei Wochen auf der Maische belassen und dann fast ein Jahr im kleinen, gebrauchten Holzfass ausgebaut. Die Reben für den Chardonnay Kapelle stehen im Untertürkheimer Mönchberg auf Gipskeuper und rotem Mergel. Die Trauben werden direkt gepresst, spontan vergoren und für zwei Jahre auf der Vollhefe im Holz ausgebaut. Vielleicht. So mehr oder weniger dürfte das aber hinkommen.
Obwohl der Chardonnay nominal der “größere” Wein ist, starten wir trotzdem damit. Nicht, weil ich denke, dass man Rot nicht auch vor Weiß trinken könnte, einfach so. Da ist kerniges, leicht mürbes Kernobst, gelbe Äpfel, Birnen, diese Richtung. Ein Touch Klebstoff ist da und mit jedem mal Schwenken wird die Birne frischer und frischer. Das beschleunigt sich mit einem Schluck Wein im Mund sogar. Es ist wirklich viel Birne jetzt und viel Saft. Das ist weich beim Trinken, hat Struktur, ein bisschen Cremigkeit und eine Säure, die mir beim Beschreiben durch die Finger rinnt. Die Nase hat sich währenddessen entschieden zwischen wild und glasklar hinundherzuwechseln. Ein faszinierender Wein.
Einen Tag später ist das Gelb im Glas ein deutlich dunkleres Gelb. Der Wein wirkt reifer, insbesondere in der Frucht. Da ist sehr, sehr reifes Steinobst jetzt, die Birne irgendwo zwischen eingekocht und eingelegt. So ein bisschen wie die Birnen auf einem Rehbraten. Nicht so sehr beim Trinken, da hat sich nämlich fast gar nichts getan, aber eben beim Riechen. Im Mund ist das immer noch richtig saftig, würziger jetzt vielleicht. Und lang. Mit super Struktur. Württemberg kann halt auch einfach geil sein.
Der Pinot startet mit roter Frucht, etwas Erde, trockenem Holz, Rauch, Beeren, Süßholz und einem Touch Ätherik. Saftig ist der auch, hat kaum Tannin und die Frucht trinkt sich mindestens so schön wie sie sich riecht. Ein Wein für die großen Schlucke. Gerne auch gekühlt. Wir haben das mit dem Kühlschrank zu spät bemerkt und ein kleines bisschen kühler wäre glaube ich noch leckerererer. Vor allem jetzt gerade. Lang ist das auch, bleibt liegen, ist irgendwie unbeschwert, unkompliziert und leichtfüßig. Sehr schön.
Tag zwei hat dann genug Zeit für seine Abkühlung. Und ja, gerade jetzt tut ihm das gut. Es wird noch saftiger. Mehr roter Früchtetee als frische Frucht, schlanker, feiner. Und mit jedem Grad mehr im Glas kann man beobachten wie Struktur, das Holz und die Würze wieder kommen. Allein diese Entwicklung lohnt das Einkühlen. Das Tannin ist inzwischen leicht struppig geworden, rustikal, auf eine ganz positive Art, die neben der ganzen Saftigkeit eine richtig gute Figur macht. Wenn es nicht sowieso schon Vin de Soif beim kleinen Gut zu kaufen gäbe, das hier wäre ein Kandidat dafür. Der niedrige Alkohol schadet da natürlich auch nicht. Schönes, neues Württemberg.