9.8.2026

Zwei Flaschen Philipp Reiß

Wir trinken von Philipp Reiß aus Baden eine Streuobstcuvée aus 2024 und einen Chardonnay aus 2022.

Auf einem Holztisch stehen zwei Flaschen von Philipp Reiß mit Kallifgrafie auf dem Etikett: Ein Chardonnay und eine Flasche Cuvée der Früchte. Im Hintergrund sind ein Weinglas und ein Bücherstapel zu sehen, vor den Flaschen liegen Korken und Kellnermesser.

Wir sind Philipp das erste mal in Karlsruhe über den Weg gelaufen. Und in diesem Fall ist über den Weg gelaufen sehr wörtlich zu verstehen, denn Philipp war wie wir bei der allerersten Runde Schmelz, Perlage & Bodensatz Gast. Anders als wir, hatte Philipp aber ein paar eigene Weine dabei. Gast an diesem ersten Abend 2022 war Christoph Raffelt. Und vielleicht hat auch Christoph genau da die Weine von Philipp kennen gelernt. Ich weiß es nicht, werde es aber bald wissen, denn, und so schließt sich der Kreis, die nächste Runde WRINT dreht sich ums vergorene Streuobst von Philipp Reiß. Full circle moment. So sind jedenfalls auch diese beiden Flaschen bei uns gelandet, denn irgendwie muss man die Pakete ja über die Versandkostenfreiheitsgrenze hiefen. Und, Spoiler, der Chardonnay ist so gut, dass er jetzt eben hier auftaucht. Außerdem wird es in den nächsten beiden Wochen auch an dieser Stelle wieder Äpfel, Birnen und Quitten zu lesen geben und da ist so ein halb-Wein-halb-Streuobst-Breitrag die perfekte Überleitung.

Philipp macht Wein in und um Steinbach zwischen Baden-Baden und Bühl in der Ortenau in Baden. Seit vier Generationen betreibt die Familie Weinbau hier und auch die Streuobstwiesen in Steinbach gehören zum Betrieb. Allerdings, wie so häufig, ist es Philipp in der aktuellen Generation, der damit anfängt den Wein komplett selber auszubauen. Der Keller von Opa hilft beim Ausbau, Opas ruhige Hand bei der Kalligrafie auf den Etiketten. Birnen, Äpfel und Quitten werden für die Cuvée der Früchte spontan vergoren, in der Pfalz versektet und anschließend mit etwas Fruchtsaftkonzentrat gesüßt und mit minimal Schwefel stabilisiert. Der Chardonnay wächst an jungen Reben, die erst vor ein paar Jahren gepflanzt wurden. Der erste reinsortige Chardonnay von Philipp. Es handelt sich um Rebmaterial aus dem Burgund, dessen Trauben kurz auf der Maische stehen und dann in neuen, kleinen Holzfässern auf der Vollhefe für knapp ein Jahr ausgebaut werden.

Der Cidre ist unter Schrauber gefüllt. Und so sehr ich Schraubverschluss beim Wein mag, so seltsam wirkt er bei Schäumern. Nicht, weil ich den Schraubverschluss an sich nicht mag, ganz im Gegenteil, aber bei Blubber wird zumindest in meinem Kopf nur die unterste Bückware geschraubt. Vielleicht ist es aber auch hier an der Zeit, das zu überdenken. Die halbe Flasche wieder verschlossen in den Kühlschrank legen zu können hat auf jeden Fall Vorteile.

Das riecht nach eher mürbem Apfel, ein bisschen Birne und, zumindest am Anfang in der Nase, praktisch keine Quitte. Man muss wirklich lange einatmen, bis etwas Quittengelee hinter dem Apfel auftaucht. Zusammen mit ein paar Stückchen Marzipan. Beim Trinken ist die Quitte dann aber da. Nicht so sehr Badewasserquitte, was ich ja auch mag, sondern wirklich Quittengelee. Die Säure tänzelt irgendwo auf dem Grat zwischen “mag ich” und “hab ich Angst vor”, denn zumindest hintem am Gaumen ist da richtig Punch dahinter. Mit dem Cidre auf der Zunge taucht die Quitte dann auch in der Nase deutlicher auf. Mag ich sehr. Mit mehr Luft wechseln sich die Früchte immer mal wieder ab. Apfel und Birne sind für mich in so einer Mischung aber sowieso schwer zu trennen. Quitte ist da anders, wenn die da ist, dann riecht man die auch. Muss man mögen. Ich mag das.

Das Erste, was uns beim Chardonnay auffällt, ist wie sauber der ist. Wir hatten den Rosé von Philipp vor ein paar Wochen im Glas und der war durchaus auf der wilden Seite des Weinspektrums einzuordnen. Und auch das, was wir damals in Karlsruhe probiert hatten, würde ich, anhand meiner Erinnerung, allesamt in die Natural-Schublade packen. Den Chardonnay nicht. Der ist nussig, man merkt das neue Holz, aber es stört nicht, da sind gelbe Früchte und gepufftes Getreide in der Nase. Das ist richtig stark und dann das Mundgefühl. Irgendwo zwischen Cremigkeit und Würze, elegant, frisch und blitzeblank. Das ist lang, zieht an der Zunge, ist saftig, hat Würze, Tiefe. Da muss man sich ganz schön strecken um für die 21 Euro, die hierfür aufgerufen werden, was ähnlich Gutes zu finden.

Tag zwei ist praktisch unverändert. Glockenklar, würzig, strahlend, gepufftes Getreide, etwas Reduktion und Vanille. Vanille, die am ersten Abend noch nicht da war, taucht aber erst beim Schwenken auf. Ich mag die Struktur, ich mag, wie sich das trinkt. Eine echte Überraschung dieser Wein und mehr Punktlandung für einen Erstlingschardonnay ist sicher schwierig. Wenn die nächsten Jahrgänge auch so werden, dann muss man diese Weine auf der Karte haben.

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