Zwei Flaschen Weinwald
Wir trinken aus dem Weinwald Projekt des Staffelter Hofs zwei Flaschen vergorenes Streuobst: Flurb ist Apfel, Birne, Quitte, Ubuntu ein ganzer Obstkorb.

Für mich ist vergorenes Streuobst das Getränk für den Sommer. Also abgesehen von Wasser, viel Wasser. Aber man ist ja kein Fisch und wenn das Thermometer mal wieder zwischen Schmelzen und spontaner Selbstentzündung gastiert, dann ist Cidre für mich das, was Kabi gerne wäre. Und weil das Thermometer in leider eben diesen Regionen bleiben will, trinken wir jetzt ein bisschen vergorenes Streuobst. Der Staffelter Hof ist mit seinen über 1150 unvorstellbaren Jahren Geschichte schon ganz für sich ein faszinierendes Unternehmen. Aber auf Tradition und Geschichte ruht sich da niemand aus. Eines der Projekte im Weingut ist der Weinwald. Auf 6 Hektar Fläche in der Nähe von Kröv wächst nicht nur Wein, es wurden auch Bäume und Sträucher gepflanzt, mehr Begrünung im Weinberg, Nisthilfen, eine Schafsweide und Flächen für Begegnung. Die Idee ist, dass so Wasser besser gehalten werden kann, die Biodiversität erhöht wird, mehr Beschattung da ist. Auch diese Fläche dürfte dieses Jahr ordentlich zu kämpfen haben, aber es ist ein Ansatz mit den immer extremeren Wetterlagen umzugehen. Ein Teil davon sind auch die pilzwiderstandsfähigen Sorten, die hier stehen. Um die kümmern wir uns aber in einem anderen Beitrag. Heute trinken wir zwei Flaschen, die aus geerntetem und gesammelten Obst aus diesen Flächen gemacht wurden. Zum allerersten mal, weshalb es nur 30 Pakete gab. Drei Flaschen: zwei mal Ubuntu, einmal Flurb!!
Zugegeben, Ubuntu ist nicht der glücklichste Name für Computerfuzzis wie mich. Statt Cider denkt mein Kopf da an Betriebssysteme. In diesem Fall ist Ubuntu aber eine Cuvée aus Himbeere, Brombeere, Apfel, Kirsche, Birne, Quitte, Weinbergspfirsich und Riesling. Vielleicht jedenfalls, denn auf beiden Etiketten steht der selbe Fruchtkorb, das Paket im Onlineshop sagt aber, dass eine Flasche 8-Fruchtwein ist, die andere Quitte-Himbeere. Blindverkostung ganz ohne schwarze Gläser und Häkeldeckchen über den Flaschen. Aber das macht ja nichts. Flurb!! macht es einem da einfacher. Da ist Apfel, Birne und Quitte in der Flasche. Klassikercuvée sozusagen.
Trotz des schönen Etiketts fühlt sich Ubuntu nicht wohl in der Flasche. Kaum ist der Kronkorken runter, will auch der Inhalt nach draußen. Glücklicherweise durch langsam, aber sehr persistentes Aufschäumen und nicht durch explosionsartige Fontänenentleerung. So reicht die Zeit um zwei Gläser drunter zu halten. Es riecht hefig-exotisch. Könnte blind auch ein IPA sein. Quitte ist da, die Beeren brauchen kurz um aufzutauchen. Es schmeckt wie Brause, hat ordentlich Zug, ist erstaunlich klar und wird mit jedem Schluck noch ein bisschen fruchtiger. Beim Trinken ist das eine Mischung aus Cider und Petnat. Da ist Grapefruit, etwas Bitteres, Litschi, Mango, Ananas. Ein Fruchtkorb eben, wenn auch nicht unbedingt der Fruchtkorb, der auf dem Label steht. Das ist erstaunlich komplex, jedes mal Trinken und Riechen ist ein bisschen anders, die Struktur ist schön, das Bittere, der Gerbstoff. Und so trinkt sich die ganze Flasche. Beim Einschenken IPA ins Gesicht, dann Obstkorb und Limo. Toll.
Wir trinken aus Interesse dann doch noch die Klarglasflasche Ubuntu. Der ist deutlich mehr Quitte, Badewasserquitte, ihr wisst, dass ich das positiv meine. Und auf der Zunge erinnert er an Himbeere. Müsste ich mich aus dem Fenster lehnen, dann wäre in der dunklen Flasche der Obstkorb und im Klarglas Quitte mit Himbeere. Aber je länger man hier trinkt, desto mehr tauchen Pfirsiche auf und Kirschen und Birnen und ein Glück muss ich mich nicht festlegen.
Flurb!! mag es in seiner Flasche. Zumindest kommt er einem nicht entgegen. Das riecht aber erstmal so gar nicht nach Apfel, Birne, Quitte. Auch hier ist Exotik, Maracuja und dann Hefe. Könnte blind auch Sauerbier sein. Noch mehr beim Trinken als beim Riechen. Die Art, wie einem die Säure aggressiv hinten die Zunge geradebügelt, das macht Sauerbier auch. Nicht so richtig charmant, aber irgendwie auch liebenswürdig. Da beide Flaschen jetzt so ein bisschen in die Bierrichtung gedriftet sind, weiß ich nicht, ob das vielleicht von den Hefestämmen kommt. Man findet nicht viel Info über die Herstellung. Eigentlich gar keine. Egal, denn lecker ist es, auch wenn die Säure mal wieder auf dem Grat wandelt. Und wenn man weiß, dass die Quitte da ist, dann taucht sie mehr und mehr auch im Aroma auf. Genau wie der Apfel. Schade, dass es nur so wenig Pakete gibt. Denn das macht richtig Spaß.