Keller - Kirchspiel 2020
Wir trinken von Klaus Peter Keller aus Rheinhessen eine Flasche Riesling Kirchspiel 2020.

Es ist wohl unvermeidbar, dass man, wenn man sich mit Riesling beschäftigt, früher oder später einmal eine Flasche mit diesem Etikett auf dem Tisch stehen hat. Da wird es auch nicht viel Widerspruch geben, wenn man sagt, dass trockener Riesling in der Spitze und Wein von Klaus Peter Keller oft synonym verwendet wird. Der Wein, der dann als erstes in den Kopf schießt ist der G-Max. Der, der nur in der Holzkiste angeboten wird, die mal 11 andere Flaschen enthielt, inzwischen nur noch 5. Der, der für trockenen Riesling Schallmauer um Schallmauer durchschlug, was die Zweitmarktpreise und Versteigerungen angeht. Der, bei dem ich noch nicht einmal versucht habe ihn zu kaufen, weil das schon ab Weingut in einer Kategorie Preis statt findet, die mich nur den Kopf schütteln lässt. Aber natürlich ist das auch bei mir der Name, der durch die Synapsen fliegt, wenn ich an trockenen Riesling in der Spitze denke.
Die Flasche Kirchspiel ist meine erste Flasche Riesling mit dem orangenen Etikett. Als Flasche und als Wein überhaupt, weil Verkostungen, die Keller ausschenken sind teuer und auch im Restaurant weiß man, was sonst so aufgerufen wird. Auch im Weingut weiß man das natürlich. Es gibt wohl schwarze Listen, auf denen Wiederverkäufer landen und die Preise für die Weine haben in den letzten Jahren angezogen. Diese Flasche hier habe ich, wenn mich die Erinnerung nicht trügt, für knapp unter 50 Euro erstanden. Hofpreis damals. Viel Geld für eine Flasche Riesling, wenig Geld im Vergleich zu allem, was die Suchmaschine so anzeigt dazu. Und ehrlicherweise war das Thema dann auch für mich erledigt, denn Riesling steht bei uns sowieso immer seltener auf dem Tisch und so richtig hat mich, glücklicherweise, der Jagdinstinkt nach diesen Weinen nie gepackt. Aber probiert haben, ja, das musste ich schon einmal und die Geduld für weitere Reife ist genau heute aufgebraucht.
Es ist irgendwie auch schade, dass Keller in meinem Kopf immer sofort die Zweitmarktpreisdiskussion aufmacht. Gerade weil die Weine ab Weingut eigentlich im Vergleich zur restlichen rheinhessischen Spitze ziemlich okay bepreist sind. Wenn man sie denn bekommt. Klaus Peter Keller hat die Verantwortung im Traditionsweingut zum Jahrtausendwechsel übernommen und dann in Flörsheim-Dalsheim in Rheinhessen das geschafft, wovon die meisten Winzer träumen dürften: Wein zu machen, der Weltweit gesucht und getrunken wird. Das, was da aus den Weinbergen auf die Flasche gezogen wird, hat in jedem Fall dazu beigetragen, Namen wir Hubacker überhaupt auf der internationalen Landkarte zu platzieren und damit als Leuchtturm sicher auch den Weg bereitet für so manchen anderen Winzer auf dem nationalen und internationalen Markt. Inzwischen ist Sohn Felix mit im Weingut, der sich mehr und mehr auch Pinot und Chardonnay widmet. Die Reben im Westhofener Kirchspiel stehen auf Kalkstein und schauen Richtung Osten. So sehr man in diesem Teil von Rheinhessen eben in einem Weinberg in irgendeine Richtung schauen kann, denn Hügel ist hier oft schon eine ziemlich große Bezeichnung, für die paar Höhenmeter, die es da gibt.
Schön ist das vom ersten Moment an. Das riecht genau nach dem, was ich riechen will, wenn ich ein Riesling GG aufziehe. Sehr klar, Würze, Mirabellen, grüner Apfel, ein winziger Hauch Toffee, nasser Stein und Flint. Beim Trinken ist es richtig saftig, mit eher glatter Säure, die erst durchs Schlürfen anfängt zuzupacken und sich mit Struktur mehr und mehr an die Zunge zu krallen. Das ist erstaunlich unkompliziert, die ersten Schlucke lang. Ich wusste nicht, was ich erwarten soll. Aber es hätte mich nicht gewundert, wäre das anstrengender beim Trinken. Ist es aber nicht. Es trinkt sich einfach unglaublich schön gerade und ich mag das. Sehr. Je mehr Luft dran kommt, desto würziger wird der Wein auch in der Nase. Es wird dunkler, Cassis, griffiger, zupackender. Gerade die Zunge lässt er überhaupt nicht mehr los. Ein bisschen Süße ist da auch inzwischen. Ob das ein kleines bisschen Restzucker ist, oder die Süße aus dem Extrakt kommt, ich weiß es mangels Analysewerte nicht. Aber es steht dem Wein gut.
Tag zwei wirkt einen Tick frischer. So richtig viel passiert aber nicht über Nacht. Da ist mehr Punch in der Säure, die Frucht ist etwas exotischer, so wie Maracuja sich anfühlt beim Essen. Das Toffee ist verschwunden und da wo ich am ersten Abend noch dachte, dass man anfängt die Zeit auf der Flasche zu schmecken, da ist einfach nichts mehr geblieben. Lang, tief und heute auch mit deutlich mehr Widerstand als noch am Tag zuvor. Wo gestern Luft noch Struktur brachte, bringt sie heute Cremigkeit in den Wein. Da dürften noch einige Jahre Zeit in der Flasche schlummern. Aber schon jetzt ist das eigentlich ein komplettes GG. Das ist, wie ich schon direkt nach dem Aufmachen dachte, für mich genau das, was ich trinken will, wenn ich nach einer Flasche Riesling greife. Das ist nicht der heilige Gral, das ist kein Erleuchtungsmoment und ich fange auch nicht an, den Weinen hinterherzujagen. Ich kann den Hinweis schon förmlich hören, dass man dafür ja noch mehr Reife bräuchte, oder vielleicht doch eine Abtserde, oder den G-Max. Wofür? Es ist eben ein verdammt guter Riesling. Und mehr will ich doch gar nicht. Und der innere Monk kann jetzt die Flasche mit dem orangenen Etikett auch auf dem inneren Klemmbrett abhaken. Ein Glück hat sie nicht gekorkt. Es gab ja nur die Eine.