Zwei Flaschen Kissinger
Wir trinken von Moritz Kissinger einen Riesling aus 2022 und eine Flasche Chardonnay aus 2021.

Dass Moritz Kissinger guten Chardonnay macht, hat sich vermutlich herumgesprochen. Und dass ich die Trauben auf den Flaschen mindestens genauso gut finde, wie die Trauben in den Flaschen, dürfte nach den letzten Flaschen hier auch keine Überraschung mehr sein. Eine Flasche oder viel mehr ein Wein steht aber noch aus: Riesling. Zumindest zum Zeitpunkt als ich diese Flasche Wein gekauft habe, war das noch rar im Sortiment von Moritz. Das ist jetzt nicht mehr so. Partnerin Jasmin ist mit ins Weingut eingestiegen und unter dem neuen Namen Kissinger-Bähr wird seit dem Jahrgang 2024 eine ganze Palette Rieslinge von der Rheinfront gefüllt. Pettenthal, Hipping und wie sie alle heißen. Die lustigen Trauben sind immer noch da, aber säumen auf den neuen Labels der Rieslinge nurmehr den Rand der Etiketten. Wie der Wein mit seinen Jahrgängen sind auch die, die ihn machen ständiger Veränderung unterworfen. Weine verschwinden, Weine tauchen auf. Und auch das neue Kapitel, werde ich sicher irgendwann probieren. Heute trinken wir aber eine Flasche von ein paar Seiten vorher. Und weil es sich auf einer Flasche so schlecht steht, trinken wir auch noch einen Chardonnay aus 2021.
Je nach Quelle wächst der Riesling entweder im Dienheimer oder Uelversheimer Talstein auf kalkhaltigem Boden. Viel Abstand ist nicht dazwischen und auch wenn Moritz Wein in Uelversheim macht, ist der Uelversheimer Talstein geografisch etwas näher an Dienheim als an Uelversheim. Der Hang liegt nicht direkt am Rhein, aber hat den Fluss trotzdem im Blick. Und auch hier sind wir dieses Jahr im Zug zwischen Stuttgart und Köln schon vorbei gekommen. Er wird im Edelstahl vergoren und dann im Halbstück für 10 Monate ausgebaut. Der 2021er Chardonnay lag für 12 Monate im Fass und anschließend noch ein halbes Jahr im Edelstahl. Beide Weine sind nicht gefiltert und mit ein bisschen Schwefel gefüllt.
Wir starten mit dem Riesling. Da ist kräuterige Würze, etwas Apfelschale, Stein und abgesehen von etwas mürbem Apfel sonst praktisch keine Frucht. Saftig ist das und die kräuterige Würze taucht auch auf der Zunge auf. Das hat eine tolle Textur und wirkt viel heller beim Trinken als es riecht. Natural-light irgendwie. Auf der einen Seite blitzesauber aber irgendwie auch mit dem wilden Touch, den natural Riesling so hat. Je länger man die Nase ins Glas hält, desto mehr Cremigkeit kommt rein, desto mehr wird die Säure zu Orangensaft. Der Duft verändert sich kaum, die Säure wird aber mit Luft immer straffer und straffer. Es wird gleichzeitig immer noch etwas klarer im Gefühl und der wilde Touch verschwindet fast ganz. Wir haben jetzt doch ein paar Flaschen Riesling auf dem Buckel, aber ob so ein Wein, der irgendwo zwischen Klassik und Natural steht in die eine oder andere Richtung kippt, oder unverändert einfach stehen bleibt. Ich wage da immer noch keine Vorhersage. Vielleicht ist sogar jede Flasche anders vom selben Wein.
So bleibt der Riesling dann auch am nächsten Tag. Klar, saftig, etwas cremig mit minimal gelber Frucht und viel Kräuterwürze. Wenn das der Weinstil ist, der jetzt auch aus den Lagen am roten Hang geholt wird, dann muss ich wohl trotz meines deutlich reduzierten Rieslingkonsums zuschlagen. Denn das ist genau die Art Riesling, die ich echt gerne trinke.
Wie beim Riesling ziehen wir auch beim Chardonnay den Korken und dann geht es direkt ins Glas. Anders als beim Riesling möchte der Chardonnay, dann aber im Glas bleiben. Man muss schon ordentlich schwenken um da wieder Aroma aus dem Glas hervorzulocken. Das, was einem dann entgegen kommt erinnert an eine Mischung aus Multivitaminsaft und Kräuterwiese. Dahinter sitzt Cremigkeit und Papaya. Die Säure wirkt genauso Orange wie der Multivitaminsaft aussieht. Die Weichheit, die man dadurch meint zu spüren täuscht dann kurz darüber hinweg, wie viel Power da eigentlich dahinter steht. Säure und Struktur tragen den Wein, sind lang, intensiv und das, was dann hinten am Gaumen bleibt, liegt da ewig. Da hinten am Gaumen taucht auch ein bisschen Reife auf. Das Vorne auf der Zunge wird mit Luft aber immer frischer, heller, knackiger und strahlender. Mit Luft kommt Laktik dazu, das Multivitamin verschwindet, die Würze übernimmt zusammen mit Pfirsich und Joghurt. Es wirkt wie ein anderer Wein jetzt und hat dazu gerade mal zwei Stunden gebraucht.
Es wird nussiger über Nacht. Mehr so, wie ich erwartet hätte, dass er von Anfang an sei, mehr wie ich ihn in der Erinnerung abgespeichert hatte. Aber das waren andere Jahrgänge und meine Erinnerung täuscht mich sowieso ständig. Deshalb schreibe ich das ja alles auf. Gepufftes Getreide, Laktik, eine zarte, aber sehr gelbe Cremigkeit und Exotik. Nicht ganz reife Mango, etwas Butter und Struktur. Das ist nochmal ein deutlich besserer Chardonnay als er es am ersten Abend war. Auch im Vergleich zum Ende des ersten Abends. Wer keine Zeit und nur eine Flasche hat, sollte wohl noch warten. Oder mit viel, viel Sauerstoff versorgen und hoffen, dass das einen ähnlichen Effekt wie zwei Tage in der offenen Flasche hat. Denn jetzt am zweiten Abend ist das schlicht wunderschön.