Castell'in Villa - Chianti Classico 2020
Wir trinken zur beginnenden kühleren Jahreszeit Rotwein. Diese Woche eine Flasche Chianti Classico von Castell'in Villa aus 2020.

Es wird kälter und regnet. Endlich möchte man sagen. Die Bäume und Wiesen sagen es in jedem Fall. Und auch wenn der Rotwein im Sommer schmeckt, noch ein bisschen besser schmeckt er, wenn man dabei aus dem Fenster ins trübnasse Draußen schaut. Und noch besser wäre Schnee, aber wir wollen es nicht gleich übertreiben und nutzen die ersten Herbstwochen für eine kleine, virtuelle Tour durch Italien. Halbwegs zumindest. Los geht es in der Toskana, die wir viel zu selten im Glas haben. Ich weiß gar nicht so genau warum. Ob der Vielfalt vielleicht und weil ich mich nicht wirklich auskenne, zögere ich dann beim Kauf, weil ich nicht genau weiß, was ich eigentlich kaufen soll. Wenn man Menschen nach einem italienischen Rotwein fragt, die mit Wein nicht besonders viel am Hut haben, aber doch öfter Wein trinken, dann wird Chianti sicherlich häufiger fallen. Wie oft habe ich schon am Nachbartisch in der Pizzeria “Einen Chianti bitte!” gehört. Winzer? Egal. Chianti halt. Und dass ein Chianti auf der Karte steht, ist fast so sicher, wie der Pinot Grigio beim Weißwein.
Chianti jedenfalls wird aus Sangiovese in der Toskana gekeltert. Laut Wikipedia stehen, oder standen 2016, in Italien fast unglaubliche 68000 Hektar davon. Das ist ungefähr die Fläche, die in Deutschland mit weißen Rebsorten bestockt ist. Und zwar mit allen weißen Rebsorten, die wir so anbauen. Um ein Chianti Classico DOCG zu werden, müssen mindestens 80% Sangiovese nachher in der Flasche sein. Und auch sonst gibt es einen Haufen Regularien zu An- und Ausbau, die man am Einfachsten auch der Wikipedia entnimmt. Das hat sicherlich seinen Anteil daran, dass man blind Chianti ordern kann und mehr oder weniger weiß, was da ins Glas kommt. Viel Spaß, das bei einem Riesling zu probieren.
Im Chianti Classico von Castell’in Villa steckt ausschließlich Sangiovese. Überhaupt baut das Weingut fast nur diese Rebsorte an. Andere Sorten, die in den etwa 50 Hektar Anbaufläche stehen, wurden zum größten Teil mit Sangiovese überveredelt. Die heutige Besitzerin, Coralia Pignatelli della Leonessa, übernahm das Gut zusammen mit ihrem Mann in den 60er Jahren. Der Mann ist leider früh verstorben, Coralia führt das Weingut alleine weiter. Hier wird sehr ursprünglich Wein gemacht. Die Weinberge werden schon lange biologisch bewirtschaftet, die Trauben spontan vergoren und in großen, gebrauchten Fässern ausgebaut. Im Falle des Classico für ein Jahr.
Kurz nach dem Aufmachen, bei den ersten zwei, drei Atemzügen ins Glas, ist da extrem viel Frucht. Aber schon nach wenigen weiteren Minuten fängt das an, zu verschwimmen. Nicht, dass es unpräzise würde. Aber es wird immer schwerer zu greifen. Da ist ein bisschen Tee, ein bisschen Amaro, dunkle Beeren, Kirschen, Kräuter und Marzipan. Und obwohl Marzipan süß ist, ist es das Aroma so überhaupt nicht mehr. Ganz im Gegenteil, es wird immer herzhafter und kräuteriger. Beim Trinken täuscht es weich an und zieht einem dann aber mal so richtig an der Zunge. Das Tannin ist großartig, mehr Wolldecke als kratziger Gerbstoff. Lang und mit so viel Säure, dass die kleinen Schlücke durch den Gerbstoff schneiden. Das schmeckt mehr nach Kirsche als es nach Kirsche riecht in diesem Moment und mit dem Wein im Mund taucht auch beim Riechen die Frucht wieder häufiger auf.
Noch mehr so am zweiten Abend. Dunklere Frucht, dunkle, fast schwarze Kirsche, Brombeeren, diese Richtung. Die Idee von Amaro lässt einen aber nicht los. Ich bin großer Fan von Cynar und so ein bisschen erinnert es daran. Und ein Kontrollschnüffler an der Cynar-Flasche gibt mir zumindest in Teilen recht. So viel Frucht hat der Amaro nämlich nicht. Die 14 %, die er am ersten Abend komplett verstecken konnte, die tauchen langsam auf. Die Struktur jedenfalls ist noch besser geworden. Mir gefällt, wie viel Gerbstoff da ist und wie angenehm sich das dann trotzdem trinkt. Das ist Tannin aus dem oberen Regal, so feinkörnig, dass mach körnig fast gar nicht sagen will. Da ist Frische, etwas Wärme dazwischen, da ist Volumen und Struktur. Da ist einfach alles, was so ein Rotwein an den ersten Regentagen braucht. Nur das Label. Das hätten sie gerade auf die Flasche kleben können und nicht gerade so schief, dass es stört. Weil so will ein Teil von mir daran rumpopeln, es abzupfen und neu drauf bappen. Und dann wäre es aber sicherlich noch schiefer, als es jetzt schon ist. Aber irgendwas, irgendwas ist ja immer.