Diego Conterno - Monforte d'Alba 2019
Weiter geht es mit Rotwein aus Italien: Wir trinken eine Flasche Barolo del Comune di Monforte d'Alba 2019 von Diego Conterno.

Im Gegensatz zu Chianti taucht Barolo oder zumindest Wein aus Nebbiolo hier tatsächlich öfter auf. Nicht oft, aber öfter. Und das liegt auch nicht daran, dass ich meine, mich im Piemont deutlich besser auszukennen als in der Toskana und deshalb bewusstere Kaufentscheidungen treffen zu können. Der Wahrheit läge nichts ferner. Es liegt schlicht daran, dass die Menge an Barolo, die in einen Preisbereich fällt, den ich zu zahlen gewillt bin, so klein ist, dass, wann immer einer bei einem Händler, dessen Sortiment ich vertraue, auftaucht, ich die Beschreibung lese und oft eine Flasche mitbestelle. Nur dass wir uns einig sind: Die Message hier ist eindeutig nicht, dass man einfach alles so teuer macht, dass Leute wie Kollege Saufwein dann mehr Basis kaufen. Das ist kein tragfähiges Geschäftsmodell! Schon zweimal nicht, weil die Basis der Guts-Nebbiolo oder der Dolcetto wäre.
Wir trinken heute aber Barolo und zwar von Diego Conterno. Der Vorname ist wichtig, denn es gibt eine Menge Conterno im Piemont. Der bekannteste sicherlich Giacomo Conterno (weit jenseits des Budgets), aber Diego Conterno trägt auch seinen Teil bei. Er war Mitgründer von Conterno Fantino 1982, dort 20 Jahre an Bord, um dann 2003 mit seiner Familie sein eigenes Weingut zu gründen. Inzwischen ist mit Stefano die nächste Generation mit eingestiegen. Acht Hektar werden ökologisch bewirtschaftet. Die Reben für den Wein heute wachsen in drei Lagen rund um Monforte d’Alba. Zum Jahrgang 2019 habe ich nichts gefunden, der Jahrgang 22 wurde im Edelstahl vergoren, fast zwei Jahre im Holzfass ausgebaut und vor der Füllung im Betonei gelagert. Ich gehe davon aus, dass 2019 ziemlich ähnlich behandelt wurde.
Der Wein hat eine zarte, rote Frucht, die, je länger man einatmet, immer intensiver und intensiver wird, dabei aber nie die Zartheit verliert. Da ist Kirsche, da sind Beeren, Minze und Menthol, etwas frisches Holz und altes Ledersofa. Je öfter man einatmet, desto mehr Dörrobst kommt dazu, ohne aber die Frucht zu verdrängen. Und noch etwas, das mir auf der Zunge liegt, aber halt nur da. Die Mittrinkerin sagt Tinte und das trifft es glaube ich ziemlich gut. Ich bin Linkshänder, weshalb ich Füllfederhalter aus tiefstem Herzen hasse. Zumindest die Tinte, die ich in der Schule schreiben musste. Jedes verdammte Wort ist verwischt. Andere Linkshänder haben lustige Krallengriffe entwickelt, um dem zu entgehen, meine Feinmotorik hat da nicht mitgespielt. Ein Hoch auf Kugelschreiber, aber ich schweife ab. Es ist gut, dass so viel in der Nase passiert, dass man so lange und oft einatmen kann, um Neues zu entdecken. Dann bleibt der Zunge Zeit den Gerbstoff zu verdauen. 2019 ist eben noch kein Alter für so einen Barolo und dieser hier packt einem die Zunge dick in Watte. Aber ich mag das Tannin. Es ist feinkörnig, intensiv, hat ein bisschen was von Cassis. Aber egal, wie sehr mir es gefällt, für große Schlucke taugt das heute nicht. Ein Wein für den langen Abend also. Mit dem Wein im Mund wird die Nase noch intensiv fruchtiger, kirschiger. Die Intensität von Amarenakirschen, aber ohne Marzipan und ohne Zucker.
Wir überspringen aus organisatorischen Gründen den zweiten Abend und holen die Flasche erst an Tag drei wieder aus dem Kühlschrank. Er ist offener jetzt, röstiger. Ein faszinierender Duft aus Kirschen, Zwetschgenröster, Vanille und überhaupt ein bisschen Weihnachten. Holz, Leder und eine dunkle Aromatik sind da. Das Tannin ist natürlich nicht weg, das wäre absurd, aber die Säure hat sich auf einen respektablen zweiten Platz gekämpft und weiß inzwischen Paroli zu bieten. Bei manchen Schlucken hat man das Gefühl, sie holt den Gerbstoff ein. Das ist ein Kaminwein, ein Winterwein, der beim Trinken jetzt vor allem Würze hat. Das ist so ein Wein, den man mental ins Lesezimmer auf den Ohrensessel aus Leder steckt. Nicht, dass ich ein Lesezimmer hätte. Oder einen Ohrensessel. Aber ihr wisst, was ich meine. Mit Luft kommt die Frische wieder, die Minze, die Kirschen, die wieder mehr zur Sauerkirsche werden. Ich mag das sehr gerne. Aber machen wir uns auch nichts vor, wer den Gerbstoff nicht feiert, der ist hier falsch. Mir fehlt schlicht die Erfahrung, um zu sagen, wie lange man warten müsste, dass der abschmilzt, und wie viel der tollen Frucht dann noch übrig wäre. Wirklich alte Barolo habe ich noch nicht getrunken und selbst dann müsste man ja mindestens denselben Jahrgang jung daneben stellen oder eine eigene Notiz des gleichen Weines in jung aus dem Hut zaubern. Das wird realistisch bei mir nie in einer ausreichend großen Quantität passieren, um mich hier jemals bezüglich Reifeverhalten aus dem Fenster lehnen zu können. Und das ist okay. Denn ich finde nicht, dass man warten müsste. Klar, man kann und wird sicher belohnt. Aber man kann auch zwei, drei, vier Abende mitbringen und sich in kleinen Schlücken reintrinken in den Gerbstoff. Denn dann hat man auch heute eine großartige Zeit mit diesem Wein.