Zwei Flaschen Kranz
Wir trinken vom Weingut Kranz aus der Pfalz einen Silvaner Alte Reben 2024 und einen Kalkfels Chardonnay aus dem selben Jahr.

Fahrt auf Weingüter haben sie gesagt. Dann verbindet man den Wein mit einem Erlebnis haben sie gesagt. Das gibt eine zusätzliche emotionale Ebene haben sie gesagt. Die einzige, zusätzliche Ebene, die der Besuch beim Weingut Kranz hinterlassen hat, ist allerdings das Bild einer Landstraße. Und der Dame vor uns, die mitten auf eben jener Landstraße, direkt in einer Kurve, entschied, dass ihr die Fahrtrichtung nicht mehr gefällt. Die dann abgebremst hat um in mehreren Zügen zu wenden. Mitten auf der Landstraße wohlgemerkt. Das ist so sehr im Kopf, dass die Mittrinkerin beim Namen Kranz jedes mal sofort fragt, ob das denn die sind, wo auf dem Weg zum Weingut eine einfach auf der Straße wie eine Verrückte umgedreht hat. Und ja, die sind das. Es ist eigentlich komplett verrückt, dass sich so winzige Momente dann untrennbar an etwas anderes dran heften. Es gibt auch Weingüter, bei denen ich mir sofort denke, dass das die Unfreundlichen auf Messe XY waren und selbst wenn inzwischen fünf andere Messen ins Land gezogen sind, verschwindet das nie aus meinem Kopf. Vielleicht bin da auch ich das Problem.
Wir trinken jedenfalls Kranz heute. Hatten wir vor einer gefühlten Ewigkeit schonmal mit Riesling hier. Aber Riesling ist seit letzter Woche fürs Erste ja durchgespielt. Deshalb gibt es Silvaner und Chardonnay, deren Korken jeweils mitsamt dem lustigen Wachshütchen aus der Flasche kamen. Immer wieder spannend, wie sich Wachskapseln beim Ziehen verhalten. Familie Kranz macht Wein in Ilbesheim in der Pfalz und insbesondere die kleine Kalmit dürfte überregional auch als Weinlage bekannt sein. Und auch denen die Klapprad fahren ist Kalmit vielleicht ein Begriff, der Klapprad-Cup befährt allerdings die große Kalmit in der Nähe von St. Martin etwas weiter im Norden. Seit dem letzten Mal Kranz ist die aktuelle Generation in Form von Xaver Kranz inzwischen mit eingestiegen. Beide Flaschen verorten sich irgendwo im Mittelbau der Qualitätspyramide mit Fokus aufs Terroir. Der Chardonnay wächst auf Kalk rund um die kleine Kalmit, wird von Hand gelesen, direkt abgepresst und dann mit einer Hälfte Neuholz für neun Monate im Fass ausgebaut. Die über 50 Jahre alten Reben für den Silvaner stehen auf lehmhaltigen Böden in einer Einzellage bei Ilbesheim. Der Wein wird im Edelstahl ausgebaut.
Wir starten auch mit dem Silvaner, Verzeihung Sylvaner. Je älter die Reben, desto Y hat man den Eindruck. Da ist mehr Struktur als Frucht, etwas Heu und insgesamt eher karg in der Nase, eher kühl. Beim Trinken schiebt der Wein dann aber mit viel Druck auf die Zunge und hat vor allem aus der Textur richtig Kraft. Auch hier kaum Frucht, aber bei so viel Textur braucht das auch niemand. Das krallt sich richtig in die Zunge und ich kann mir vorstellen, dass der erste Schluck da auf den Einen oder die Andere abschreckend wirken könnte. Ich mag das ja. Und mit dem Wein im Mund kommt Cremigkeit und Kernobst in die Nase. Das ist richtig stark. Viel mehr noch, wenn man den Preis von knapp 16 Euro mit einbezieht ins Urteil. Schnapper. Und sowas freut den inneren Schwaben natürlich. Eine echte Überraschung für mich, dass so ein Silvaner aus der Pfalz kommt, denn Pfalz ist nicht gerade das deutsche Anbaugebiet, bei dem ich an Silvaner denke. Wenn ich drei Gebiete für deutschen Silvaner aufzählen müsste, dann wären das wohl Franken, Rheinhessen und Saale-Unstrut. Da muss ich ab jetzt wohl bis vier zählen.
Und auch einen Tag später ist das noch ein echt starker Silvaner. Genau genommen ein gleich starker Silvaner, denn wirklich viel verändert hat sich nichts. Das bleibt durch und durch ein Strukturwein. Wer Frucht im Wein sucht, der sollte nach einer anderen Flasche greifen. Der trinkt aber vielleicht sowieso keinen Silvaner. Und wenn das jetzt anstrengend klingt, das ist es nicht. Man kaut ein bisschen auf der Zunge rum, die Backen ziehen nach innen, aber dann trinkt man sich da so rein. Man trinkt ein Schlückchen, kaut ein bisschen und trinkt dann wieder. Und so vergeht der Abend. Und der Wein.
Der Kalkfels ist dann Kontrastprogramm. Da schießt einem erstmal die Reduktion um die Ohren. Viel davon, die aber vielleicht auch nur wie wirklich viel Reduktion wirkt, weil der Silvaner so überhaupt gar keine Reduktion hatte. Da ist etwas Rauch, Feuerstein, gepufftes Getreide. Das ist straff und kühl und sehr dicht beisammen. Es trinkt sich viel offener als es riecht, hat Laktik, etwas gelbe Frucht und erinnert in manchen Schlucken tatsächlich an Fruchtjoghurt mit gelben Früchten. Da ist Länge und doch erstaunlich viel Aroma hinter der Reduktion. Etwas Cassis, Spannung, Tiefe. Das ist gut, aber wirkt im Vergleich zum Silvaner irgendwie distanziert. Und das obwohl der Silvaner auch kein Charmebolzen ist. Aber auf seine rustikale, leicht ruppige Art hat er etwas, das dem Chardonnay gerade fehlt. Ich mag den Wein auf einer objektiven Schiene, aber berührt fühle ich mich nicht.
Hier tut sich etwas über Nacht. Die Reduktion verzieht sich, nicht ganz, aber zu einem großen Teil. Da ist immer noch Holz, viel Textur in der Nase, soweit man Textur eben riechen kann oder wenigstens einbildet, dass das was man da riecht dann Textur ist. Da ist Zitrus im Duft. Die Mittrinkerin geht gerade durch eine Zitronenphase. Zitronensalz, Zitronenöl, Zitronenessig, Zitronendies und Zitronendas. Alles wird mit Zitrone zitroniert. Und auch jetzt kommt sie um die Ecke und hält mir ein Glas Zitronensalz ins Gesicht. Und ja, sie hat einen Punkt. Der Wein ist ziemlich geradeaus beim Trinken, eher schlank, kühl mit mehr Holz als in der Nase. Es zieht an der Zunge und die Textur, die sich angekündigt hat im Duft, taucht dann auch auf. Wird hinten von Cremigkeit abgelöst und dazwischen gelbe Frucht. Da wo es mich gestern hat stehen lassen, holt es mich heute ab. Ich bin immer wieder froh, dass wir sowas zu Hause aufziehen und nicht im Restaurant. Wenn im Restaurant dann die Blitzbelüftung der Karaffe nicht hilft, dann bleibt nur eine schlechte Erinnerung. Daheim kann man die Flasche in den Kühlschrank stellen und morgen nochmal probieren. Oder übermorgen. Das ist ein gewaltiger Vorteil. Oder der Sommelier kredenzt nur Trinkreifes, dann erübrigt sich das natürlich. Jedenfalls hat dieser Wein mal wieder von der Nacht im Kühlschrank enorm profitiert. Und sowohl Silvaner als auch Chardonnay machen richtig Freude. Wer braucht da Riesling.