L'Anglore - Tavel 2022
Wir trinken eine Flasche Tavel Rosé 2022 von L'Anglore.

Wenn wir unterwegs sind in einer anderen Stadt, dann betreten wir eigentlich jeden Weinladen, dem wir so über den weg laufen. Ich finde Sortimente einfach spannend. Die Gespräche auch. Die starten zwar immer mit dem Hinweis, dass wir nur kurz schauen, weil wir sowieso nicht viel mitnehmen können und deshalb keine Beratung oder vielmehr wertvolle Zeit klauen wollen, insbesondere wenn andere Kunden im Laden sind, gehen dann aber häufig doch weiter. Wir nehmen meistens nur ein bisschen Feinkost oder so mit, weil Weinflaschen mit dem Zug den unvermeidlichen Gleiswechselsprint wirklich nicht angenehmer gestalten. Manchmal stolpert man aber über eine Flasche, die man dann von der Bahn im Rollkoffer trotzdem einmal quer durch die Republik schippern lässt. Diese Flasche L’Anglore Tavel ist so eine Flasche, die es von Hamburg hierher geschafft hat. Dabei hatten wir diesen Laden eigentlich nur gesehen, weil Franzbrötchen und Cannelés de Bordeaux im Schaufenster und Jamei Käse aus dem Allgäu in der Theke lagen. Und ich unbedingt ein Franzbrötchen brauchte. Aber das ist ein anderes Thema.
Dem Höher-Schneller-Weiter-Besser bei Wein bin ich größtenteils entkommen. Die FOMO ist weg. Und zwar in beide Richtungen, in die FOMO bei Wein so passiert. Die eine Richtung, die nach immer größen Weinen, wie großen Burgundern, Barolo, Bordeaux und Co, die war eh nie da. Aber auch die andere Richtung, die nach winzigen Flaschenzahlen, hippen Produzenten, dem neuen heißen Scheiß, hat irgendwie ihren Reiz verloren. Schnell klicken ist in Zeiten von AI Tools, die das im Betriebssystem unterstützen, praktisch tot. Und es verschwinden immer mehr Weine hinter Stammkundenmauern, die wir mit unserem Kaufverhalten, das quer überall ein bisschen kauft, nicht überschreiten. Das ist keine Kritik übrigens. Wenn das dazu führt, dass mehr kleine Händler über Wasser bleiben, dann passt das schon. Und es gibt auch abseits der FOMO genug Interessantes. Und manchmal läuft man so einer Flasche dann trotzdem über den Weg. Ganz analog.
Eric Pfifferling erbt 1988 vier Hektar Weinberge in Tavel, einem kleinen Fleck im Südwesten der Rhône, in dem nur Rosé unter der AOC erzeugt wird. Hatten wir schonmal. 10 Hektar sind es inzwischen und auch die nächste Generation ist seit 2017 mit an Bord. Die eher schlichten Etiketten sieht man hier und da mal in Berichten, in der echten Welt sind sie mir bis zu diesem Besuch in Hamburg bisher allerdings nie über den Weg gelaufen. Dabei sind die Weine gar nicht so teuer. Nur eben ziemlich rar. Der Rebsortenmix ist typisch für die Rhone mit Grenache, der Hauptanteil in dieser Flasche, Cinsault, und etwas Clairette und Carignan. Es wird ökologisch gewirtschaftet, von Hand gelesen, im Betonbottich vergoren und anschließend in einer Mischung aus Fässern und Bottichen ausgebaut. Gefiltert oder geschönt wird nichts. Das, was da dann in der Flasche steckt ist sicherlich deutlich näher am Rotwein als an Rosé, den man so kennt. Überhaupt finde ich, dass ungefilterter, dunkler Rosé der Farbendgegner ist. Es wird schwierig ein Glas viel dreckiger aussehen zu lassen als dieses halbdurchsichtige Ockerrotbraun. Wer bei unlfitriertem Riesling in der Qualitätsweinprüfung die Nase rümpft, der wird hier wohl schreiend davon laufen.
Das wäre aber schade. Denn schon das erste mal die Nase ins Glas halten ist eine Freude. Da sind Kirschen und Kirschbonbons, roter Tee, Beeren und überhaupt ganz viel Frucht, die aber nie offensiv oder plump wirkt und sich bei jedem mal Riechen leicht verändert. Da ist Holz und Vanille und Blutorange. Faszinierende Nase. Die Vanille schafft es auch auf die Zunge. Da ist Amaro, die Textur ganz weich erst, dann hinten mit samtigem Tannin, das langsam immer mehr in Richtung Zungenmitte wandert und dabei immer trockener wird. Lang ist das, saftig und das was dann im Mund zurück bleibt erinnert wieder total an Blutorange. Manchmal hat Wein, bei dem man die Nase nicht aus dem Glas bekommt, dann beim Trinken gar nicht so viel zu bieten. Das ist hier anders. Leider vielleicht sogar, weil man so aufpassen muss, dass man fürs Riechen überhaupt noch was zurück hält. Wie sich das zwischen herzhafter Würze und viel, viel dunkler Frucht bewegt ist toll. Intensiv, dicht und gleichzeitig leicht und unaufgeregt. Auch drei Stunden später bleibt das so. Das ist kein Rosé, das muss man sagen. Das ist leichter Rotwein. Und das ist auch ein bisschen wild. Wer damit nichts anfängt, für den vielleicht auch zu wild. Da ist Waldboden mit Cola, selbstgemachter Eistee ohne Zucker, Waldbeermarmelade und frische Brombeeren. Die 14 % verschwinden in dieser Welt komplett.
Die wahre Herausforderung bei Natural-Rotwein und auch dunklem Rosé ist der zweite Abend. Endlose Male sind wunderschöne Weine auseinander gefallen. Der hier ist keiner davon. Die Farbe ist noch mehr Ocker als am ersten Tag. Aber der Wein, der strahlt. Kirsche, Kirschsaft, Süße aus der Frucht, Amaro, Bitterorange und roter Tee. Das ist so klar, so saftig, so strahlend. Passt perfekt zur Pizza, macht alleine Spaß. Leider war das in Hamburg die einzige Flasche im Regal. Vielleicht auch zum Glück. So muss ich mich nicht ärgern zu faul gewesen zu sein, zwei Flaschen zu transportieren. Ich sag es immer wieder: Die ganz große Kunst ist Tiefe mühelos zu verpacken. Streberwein machen, dem man nicht anmerkt, dass er in der ersten Reihe vor dem Lehrer sitzt. Und der hier ist so ein Wein. Ich glaube, den kann man überall hinstellen. Dann erklärt man, dass das mit der Farbe schon so passt und dann mag das jeder. Und die Nerds sind auch glücklich. Was will man mehr.